Magdeburg l Als Thomas Manhique 1985 im Flugzeug nach Europa sitzt, weiß er nicht genau, was kommen wird. Er will in der DDR studieren. Dafür hatte er sich beworben, weil er nicht mehr als Lehrer in Mosambik arbeiten will, mit Klassen von 80 Schülern, für wenig Geld. Um dann irgendwann später wieder zurückzukehren in die Heimat, mit einer guten Ausbildung, als Privilegierter. Das war der Plan.

Doch mit dem Pass, den der 26-Jährige nach Ankunft beim Einstieg in den Bus abgeben muss, schwinden die Chancen für ein selbstbestimmtes Studentenleben in Deutschland. Der Pass wird mit Pässen anderer Vertragsarbeiter in einen Tresor im Heizkesselwerk Schönebeck eingeschlossen. Dort soll Manhique arbeiten, zusammen mit 46 weiteren mosambikanischen Vertragsarbeitern.

10 Mark Taschengeld

"Der Anfang war schlimm, ich wollte sofort zurück", erinnert sich Manhique, der heute in Magdeburg lebt. Aber man habe ihm damals gesagt, er müsse 8000 Mark für den Flug zurückzahlen. In der ersten Woche hätten sie 10 Mark Taschengeld erhalten.

Das Einkleiden: Ein Geschäft für Jugendmode sei für sie etwas ausgeräumt worden, erinnert sich Manhique, einige ähnlich aussehende Jacken und Hosen seien liegen geblieben, die hätten sie dann kaufen können. Der Kaufpreis sei ihnen vom Lohn abgezogen worden. Das Problem: Sie als Käufer hätten den Preis nicht gekannt. Schon da habe die Misere begonnen, sagt Manhique heute.

In der DDR sollten die Vertragsarbeiter aus Mosambik nur einen Teil ihres Lohns erhalten. So war es mit der Volksrepublik Mosambik ausgemacht. Den Rest sollten die Arbeiter ausgezahlt bekommen, wenn sie wieder in der Heimat sind. Einbehalten wurden erst 25 Prozent, dann 60 Prozent, ab 1988 waren es 40 Prozent des Lohns. Wie viel Geld das am Ende in Mosambik ist, hängt allerdings vom Umrechnungskurs ab.

Doppel- und Samstagsschichten

Und natürlich vom Lohn in der DDR. Er habe im Monat nach Abzügen zwischen 300 und 1000 Mark bekommen, berichtet Manhique. Wie viele andere Vertragsarbeiter auch habe er immer wieder Doppel- und Samstagsschichten übernommen, um mehr Geld zu haben. Wie viel er hätte bekommen müssen nach seiner Rückkehr - Manhique weiß es nicht.

Nach dem Mauerfall haben die Vertragsarbeiter im Schönebecker Heizkesselwerk immer weniger zu tun. Im November 1990 müssen sie ausreisen. Manhique hat seit drei Jahren eine Freundin. Er will nur die Sache mit dem Container abwickeln, den er nach Mosambik geschickt hat, mit allerlei Dingen für seine Familie. Und den Rest seines Lohns will er abholen.

Am Ende werden es zwei Jahre, die er in Mosambik verbringt. "Es war nicht leicht, nach der Wende wieder zurückzukommen", sagt er. Vom mosambikanischen Staat habe er etwas Geld bekommen, zwei kleine Imbisse habe er davon gekauft, zu Zeiten der Inflation, der eine Imbiss habe sich nicht gerechnet. In der deutschen Botschaft seien sie überfordert gewesen. "Fast alle, die in der DDR waren, wollten zurück", sagt Manhique.

Keine Arbeit, aber Kulturschock

1992 klappt es bei ihm. Er bekommt ein Visum, darf einreisen, um seine Freundin zu heiraten. Doch die Dinge sind nun anders. Die DDR ist passé. Manhique ist in Magdeburg und hat keine Arbeit, dafür einen Kulturschock. Mit seiner Freundin versteht er sich nicht mehr, nach kurzer Zeit ist Schluss.

Der Mosambikaner schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch, erst als Sicherheitsposten, dann auf dem Bau. Er besucht Seminare und Weiterbildungen, gründet 2001 den Kulturverein Tuanano, arbeitet mit Schulen und Kindergärten.

Heute ist Manhique Berater beim Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt. Er habe überlegt, wieder nach Mosambik zurückzukehren. Doch als "Madgerman", wie die einstigen Vertragsarbeiter dort genannt werden, sei es nicht einfach. Dort sei er der Deutsche, sagt der 61-Jährige.

Hoffnung auf Lohn von damals verloren

Auch die Kriminalität, das schlechtere Gesundheitssystem sprächen gegen eine Rückkehr. "Heimatlos" sei er. "Es ist nicht so, dass ich das große Los gezogen habe." Hoffnung, etwas Geld aus seiner Zeit als Vertragsarbeiter zu bekommen, hat er nicht mehr.

Trotz des einstigen Unrechts, das ihm widerfahren ist: Wut empfindet Manhique heute nicht mehr. Das sei eben sein Schicksal, sagt er.

Sein halbes Leben hat Manhique nun schon hier verbracht. Dass er in Magdeburg rassistisch beleidigt werde, komme oft vor. Wenn Fußballspiele im Stadion sind, sei es am schlimmsten, sagt der vierfache Vater: "Wenn Fußball ist, haben wir Stubenarrest. Dann gehen wir nicht raus." Allerdings sei es schon besser als noch vor einigen Jahren.

Ironischer Rassismus in der DDR

Verglichen mit seiner Zeit als Vertragsarbeiter sagt Manhique: "In der DDR gab es auch Rassismus, aber er war mehr ironisch und friedlicher." Körperliche Auseinandersetzungen habe er deswegen aber nie gehabt. Er räume lieber das Feld, bevor es Streit gibt.