Corona-Krise

"Wasser bis zur Oberkante"

Sachsen-Anhalts Landesregierung hat Pläne für eine mehrstufige Öffnungsstrategie vorgestellt. Die Pläne stoßen auf viel Kritik.

Foto: Uli Lücke-- Kosmetikerin Heike Born in ihrem derzeit verwaisten Salon. Durch Corona mußte sie im Dezember schließen. Nun darf sie leider noch immer nicht ihren Salon auf Grund der Corona-Regeln öffnen. Friseure hingegen schon. Auch in anderen Bundesländern dürfen Kostmetiksalons ab 1. März wieder für ihre Kunden dasein. Uli Lücke

Magdeburg l Heike Born ist von Natur aus eine Kämpferin. Doch jetzt schwingt Verzweiflung in ihrer Stimme mit. „Ich habe Angst, dass ich meinen Beruf aufgeben muss“, sagt die Magdeburgerin. „Uns steht das Wasser bis zur Oberkante.“
Die Kosmetikmeisterin ist seit 37 Jahren im Beruf, davon 17 Jahre selbstständig. Nach dem Stufenplan der Landesregierung darf sie erst öffnen, wenn die 7-Tage -Inzidenz landesweit fünf Tage lang einen Wert von 50 unterschreitet. „Das wird doch nicht erreicht“, sagt Born. „Sollte es nur bei diesem Zahlenspiel bleiben, können wir alle einpacken.“
Die Ungerechtigkeit werde immer größer. Die Kosmetikmeisterin empfindet es als „als Schlag ins Gesicht“, dass Friseure ab 1. März öffnen dürfen, sie trotz aller guten Hygienekonzepte aber nicht. Willkür sei das. Sie nimmt das Coronavirus ernst, sagt aber auch: „Es kann nicht der Weg sein, gut gehende Geschäfte ohne eigenes Verschulden systematisch kaputt zu machen.“
Brockenwirt und Hotelbesitzer Daniel Steinhoff hält von einer inzidenzbasierten Öffnung nichts: „Das ist keine vernünftige Strategie.“ Als Gastronom benötige man mindestens 14 Tage Vorlauf, um eine Wiederöffnung vorzubereiten. „Was wir brauchen sind fixe und verlässliche Daten.“
Arno Frommhagen von der Interessengemeinschaft Innenstadt in Magdeburg und Gastronom sagt, die Landesregierung agiere „viel zu zögerlich und ängstlich“. Es werde mit zweierlei Maß gemessen: „Wir können nicht verstehen, warum Bau- und Pflanzenmärkte öffnen können, Möbelhäuser aber nicht. “ Das Verhalten der Regierung sei wirtschaftlich inakzeptabel: „Wir wissen so gar nicht, wann geöffnet werden kann und wann erneut eine Schließung droht.“
Veranstalter Holger Salmen von der „First Contact Eventagentur“ aus Magdeburg fordert mehr Planbarkeit: „Unser Optimismus und der lange Atem gehen langsam zu Ende.“ Eine Öffnungsstrategie nach Inzidenzwerten nütze sehr wenig. „Wir haben eine Möglichkeit entwickelt, wie man auch in der Pandemie gute Konzepte umsetzen kann. Es ist traurig, dass Behörden und die Regierung so wenig Vertrauen in die professionellen Veranstalter stecken.“
Für den Harzer Hotelier René Maksimcev ist „ein bedenklicher Punkt erreicht.“ Ein Stufenplan sei ja in Ordnung. „Warum aber gerade oft semiprofessionell geführte Ferienhäuser zuerst öffnen dürfen, erschließt sich mir nicht.“ Ein Öffnen und Schließen nach Inzidenzwerten würde auch die letzten Reserven verbrennen: „Wir haben ja noch nicht mal die Dezemberhilfe erhalten.“
Norbert Kuhn vom Pferdehof Kuhn aus Neuermark-Lübars (Landkreis Stendal) sagt: „Wer will entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dass wieder gefahrlos geöffnet werden kann. Sind wir zu locker, müssen wir das alles auch noch im Sommer aushalten.“
Uhrenmeister Johannes Gaertig aus Haldensleben sagt: „Wir waren ein Jahr artig und haben alles umgesetzt, was die Regierung wollte. Doch jetzt reicht es.“ Die Hürden für eine Wiedereröffnung des Geschäfts seien viel zu hoch, die im Stufenplan vorgegebenen Inzidenzwerte seien „Traumzahlen“. Vielen Läden drohe der Todesstoß. „Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, müsste ich eigentlich nächste Woche schließen“, sagt er.