Oebisfelde l Den gesamten Inhalt des alten, jedoch in keinster Weise gekennzeichneten Koffers zu sichten, dafür wird sicherlich viel Zeit ins Land gehen, ist Vorsitzender Allecke überzeugt. Ihm wurde der Koffer von dem ehemaligen Oebisfelder und jetzt in Danndorf lebenden Klaus Beckroth übergeben. Der war vor Allecke Vorsitzender des MGV Oebisfelde und hatte den Koffer ebenfalls von seinem Vorgänger übernommen – und nicht geöffnet.

Erhard Allecke steht als Vorsitzender seit mehr als drei Jahren an der Spitze der Oebisfelder Sangesgemeinschaft. Und auch er hatte bis zur Jahreshauptversammlung am Sonnabend viele andere Dinge zu erledigen, als sich um den Inhalt des Koffers zu kümmern. „Schließlich hatte mir Sangesfreund Beckroth das angestaubte Utensil mit der Bemerkung übergeben, dass sich darin nur altes Notenmaterial befindet“, hatte Allecke bereits den Mitgliedern auf der Jahreshauptversammlung berichtet. „Dass da solch eine historische Brisanz drin ruht, habe ich mir nicht im Traum einfallen lassen“, sieht Allecke diesen Koffer nun mit gänzlich anderen Augen.

Im Gespräch mit der Volksstimme öffnet der MGV-Vorsitzende den Koffer erst das dritte oder vierte Mal. Auf den ersten Blick eröffnet sich unter dem Deckel ein wahres Durcheinander an Heften, Mappen und augenscheinlich alten Protokollbüchern. Als Allecke allerdings das dickste Protokollbuch aufschlägt, wird schnell deutlich, welchen historischen Wert die Seiten besitzen: In der Schreibschrift Sütterlin, Seite für Seite gestochen scharf verfasst, werden Ereignisse, Planungen und Aktivitäten aufgelistet – die Aufzeichnungen beginnen mit einem Protokoll wohl aus dem Gründungsjahr 1879. Allein diese Seiten ins Hochdeutsche zu übersetzen, verlangt Zeit, Geduld und Akribie, doch der Aufwand würde sich lohnen, ist sich Allecke sicher. „Was dort niedergeschrieben ist, dokumentiert unser geschichtliches Werden. Das ist unersetzbar“, sagt ein begeisterter erster Vorsitzender.

Der Männergesangverein Oebisfelde ist historisch ein Kind des Kaltendorfer Männerchors, erläutert Allecke. Es gab zwar bereits schon einmal einen Oebisfelder Männerchor, der sich allerdings noch während der Zeit der Kaltendorfer Sängergemeinde auflöste. Die Kaltendorfer Sängerschar wandelte ihren Namen zu DDR-Zeiten dann in Chor des Eisenbahnbetriebswerkes Oebisfelde um. Seinerzeit ein starker Chor mit bis zu 100 Sängern, weiß Allecke. Nach der Wende gab sich dieser Chor dann den heutigen Namen Männergesangverein Oebisfelde von 1879 e.V., zugehörig zum Chorkreis Heide-Drömling.

Ein zweites Dokument ist ein sogenanntes Chor- und Inventartagebuch, das mit einem Eintrag vom 15. Juni 1899 beginnt. Auf den weiteren Seiten sind Zeitungsseiten mit Berichten über Chorauftritte eingeklebt. Aber es wurden auch Seiten herausgerissen. Wohl um keinen Ärger durch nicht eindeutige Liedtexte mit den Besatzungstruppen zu bekommen, vermutet Allecke. Doch was an Dokumenten erhalten blieb, das ist ein Füllhorn an Historie über den MGV.