Oebisfelde l Eltern, denen eigentlich ein Krippenplatz zustehen müsste, fürchten um ihren Arbeitsplatz, weil sie ihre Kleinkinder in städtischen Einrichtungen der Allerstadt eben nicht betreuen lassen können. „Das ist überhaupt nicht mehr lustig“, kommt es gequält ärgerlich über die Lippen von Cindy Schoke im Gespräch mit der Volksstimme am gestrigen Tag im evangelischen Gemeindehaus in Oebisfelde. Dort trifft sich die Oebisfelderin mit weiteren Müttern, um einmal die Woche einen Mutter-Kind-Vormittag zu verbringen.

Das sonst unbeschwerte Miteinander innerhalb der Gruppe wird derzeit unübersehbar vom Thema Krippenplatz-Notstand bestimmt. „Das kann man uns ja auch nicht verdenken. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, die sitzt wie ein Faustschlag in der Magengrube“, erklärt Mutter Schoke mit ihrer fast einjährigen Tochter Luise auf dem Arm. „Es ist ja auch keinem Arbeitgeber zuzumuten, dass eine Mutter quasi mit dem Kleinkind unterm Arm das Tagespensum an Arbeit erledigen soll. Und auch für die Mutter kann das Arbeiten mit dem Kind an der Seite nur die absolute Ausnahme bedeuten“, beschreibt Schoke die prekäre Situation für Arbeitgeber wie Beschäftigte aus ihrer Sichtweise heraus.

Notlage hat Geschichte

Diese Notsituation hat eine Geschichte, die bereits im Frühjahr des Vorjahres beginnt, wie die Frauen erzählen: Die Oebisfelderinnen Cindy Schoke, Marianne Greco, Anne Lindecke und Saskia Targsdorf bekommen ihre Kinder und melden den jüngsten Familienzuwachs schon bald für eine Krippenbetreuung bei der Stadtverwaltung an. Theoretisch ist das nur eine Frage der Zeit. Praktisch aber erhalten die Mütter keinen Krippenplatz für ihre Schützlinge. Dafür gibt es die Auskunft, dass sie auf einer Warteliste notiert sind.

Wie nicht nur diese vier Mütter im Spätherbst auf Nachfrage erfahren müssen, stehen für ihre Kinder weiterhin aber auch zu Beginn 2020 noch keine Krippenplätze zur Verfügung. Schoke spricht dabei von mindestens 20 Eltern, die diese persönlich bittere Nachricht erhielten.

„Wir erkennen in diesem Verhalten der Stadtverwaltung eine Hinhaltetaktik, wohl wissend, dass wir Mütter uns so gut wie überhaupt nicht wehren können“, mutmaßt nicht nur Schoke. Denn eine Klage gegen das Verwehren eines Krippenplatzes könnte sich über zwei Jahre erstrecken, so die Auskunft vom Jugendamt des Landkreises Börde gegenüber einer Anfrage aus der Mütter-Runde. „Allerdings haben wir keine direkte Absage erhalten, lediglich den Hinweis auf einen entsprechenden Platz auf der Warteliste“, erkennt Schoke einen Fallstrick. „Um eine Klage anzustrengen, müsste ich erst einmal eine Kündigung meines Arbeitsgebers aufgrund meiner Belastung durch die Kindererziehung, damit für die Untauglichkeit für die Berufsausübung, erhalten. Wie soll das gehen, wenn die Chance auf einen Krippenplatz durch einen Wartelistenplatz suggeriert wird?“, sieht Schoke Kalkül mit im Spiel.

„Von absichtlicher Benachteiligung kann keine Rede sein. Woher soll die Stadt das Geld für zusätzliche Kapazitäten bei der Kinderbetreuung denn nehmen? Lasst uns miteinander darüber reden“, beschreibt Bürgermeister Hans-Werner Kraul aus seiner Sicht die Situation, so wie sie eben gerade ist. „Diese Warteliste existiert nicht ohne Grund, denn der Stau ist da.“ Aber nicht nur die große Zahl von Kindern im Krippenalter sei ein Problem. „Fakt ist auch“, so Kraul, „dass Betreiber von Kinderbetreuungen aus dem niedersächsischen Nachbarregionen Erzieherinnen sprichwörtlich Lockangebote unterbreiten.“ Derartige Offerten sorgen bereits seit über einem halben Jahr für Abwanderungen von Fachkräften mit beträchtlichen Auswirkungen, erklärt der Bürgermeister.

Eine generelle Entspannung der Notsituation erwartet Kraul mit der Einschulung der neuen Erstklässler nach den Sommerferien. Damit erfolgt wechseln Kinder aus den Kitas in die Grundschulen, sodass auch wiederum Krippenplätze frei werden.

Entspannung nur temporär

Diese Entlastung sieht die Müttergruppe jedoch nur als temporär an. Sie erkennt vielmehr, dass sich bereits wieder zum kommenden Herbst eine Notsituation aufgrund neuer Geburten aufgebaut haben wird. „Dann müssen berufstätige junge Mütter wieder um ihren Arbeitsplatz oder Job, so wie wir heute, bangen“, schätzt Schoke ein.

Nach Angaben der Mütter-Runde existieren bereits für die Kitas „Villa Kunterbunt“ und „Regenbogenland“ Ausnahmegenehmigungen. Die gelten jedoch nur, wenn entsprechend qualifiziertes Betreuungspersonal vorhanden ist. Auch daran scheint es zu hapern, meinen die Mütter.

„Es geht heute wie morgen um Existenzen von jungen Familien. Und immer wieder ist zu hören, dass die Stadt zukunftsfähig für junge Familien sein will. Das ist Hörensagen, die Realität ist wohl eine andere“, beklagt einstimmig die Mütter-Runde. „Die Stadt schneidet sich so ins eigene Fleisch. Wenn unsere Informationen stimmen, dann wird für jeden Einwohner eine Pauschale von jährlich 500 bis 700 Euro vom Land gezahlt.“ Würden junge Eltern anderenorts eine berufliche Perspektive finden, beispielsweise aufgrund einer besseren Kinderbetreuung, würden sie dorthin ziehen. „Und andere bleiben gleich fort“, befürchtet Schoke.