Geschichte des Schlosses Groß Germersleben

1286: Erste Erwähnung;

1536/1601: Errichtung eines schlossartigen Neubaus für die Familie von Kotze;1880 und Folgejahre: Umbau des Schlosses;

19. Jahrhundert: Familie von Kotze verkauft das Schloss an Familie von Byern;1945: Enteignung der Schlossbesitzer;

Ab 1945: vielfältige Nutzung als Schule, Kindergarten und Kinderkrippe, Gemeindebüro, Wohnungen, Bibliothek, Ab Anfang der 1970er Jahre Internat für Lehrlinge der Fischindustrie1992 und Folgejahre: Dächer und Außenfassade saniert3. November 1999: nach Brandstiftung bis zur Ruine ausgebrannt

Groß Germersleben l Beinahe jeder Groß Germersleber verbindet mit dem Schloss seines Heimatortes die unterschiedlichsten Erinnerungen. Sie sind hier zur Schule gegangen, in den Kindergarten, haben auf dem Sportplatz hinter dem Schloss Fußball gespielt. Ganze Generationen haben im kleinen Schwimmbad im Park Schwimmen gelernt. Der Brand in der Nacht vom 2. zum 3. November 1999 hat die Menschen bis ins Mark erschüttert. Die Schlossruine steht heute wie ein großer Stachel im Dorf. Was ist in jener Nacht geschehen?

Um 0.38 Uhr werden die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Groß Germersleben aus dem Schlaf gerissen. Als die 13 Kameraden um den damaligen Wehrleiter Peter Fricke am Schloss eintreffen, brennt das Dach schon in voller Ausdehnung. Zeitgleich treffen die Feuerwehrleute aus Hadmersleben ein, die Feuerwehren Oschersleben und Wanzleben rücken mit den Drehleitern nach. Doch alle Versuche der bis zu 70 Kameraden, das Dach zu retten, schlagen fehl. Das trockene Holz brennt wie Zunder. Durch die Holz- decken frisst sich das Feuer in Windeseile. Am Morgen des 3. November stehen die Groß Germersleber vor dem Unfassbaren: Ihr Schloss ist nur noch eine Ruine – ein Schaden von zehn Millionen Mark ist entstanden.

Schlimmster Feuerwehreinsatz

Der ehemalige Wehrleiter Peter Fricke, damals 32 Jahre alt, erinnert sich an den Schlossbrand als wäre es gestern gewesen. „Es war damals einfach zu gefährlich, die Kameraden in das brennende Schloss zu schicken“, erklärt der Groß Germersleber. Sicher, er sei damals sehr jung gewesen, doch erfahrenere Kameraden, wie der zuständige Abschnittsleiter, standen ihm zur Seite. Jetzt, 20 Jahre später, hat er noch einmal in den Einsatzunterlagen geblättert. „Es war für mich der schlimmste Einsatz, zu dem ich je ausrücken musste“, erzählt Peter Fricke.

Bilder

Schnell hatten die ermittelten Beamten der Polizeidirektion Halberstadt herausgefunden, dass es sich eindeutig um Brandstiftung handelte. Dabei hatte das Schloss damals gerade erst einen neuen Besitzer gefunden. Herbert Angsten ersteigerte gemeinsam mit seinem Partner Kurt Huy das stattliche Bauwerk im September 1999 für 265 001 Mark, der Verkehrswert lag bei 530 000 Mark. Das Schloss war deutlich höher versichert. Der Geschäftsmann Herbert Angsten, der angeblich so viel mit dem Groß Germersleber Schloss vor hatte, geriet selbst unter den Verdacht der Brandstiftung, was ihm nie nachgewiesen werden konnte. Ralf Staufenbiel, in Kloster Gröningen zu Hause, damals der zuständige Brandursachen-ermittler, hat in seinem Buch „Brände, Morde, Explosionen“ zum Schlossbrand in Groß Germersleben festgehalten: „Der Brand übertraf alle meine bisherigen Fälle und war - von der Aufklärung her gesehen - ein Brand der Superlative. Ich war eine Woche am Brandort und allein der Brandortbericht nahm ein Umfang von über 28 Seiten ein. Über 150 Brandfotos füllen die Bildanlage. Bis heute ärgert es mich außerordentlich, dass der oder die Täter nicht überführt und bestraft werden konnten....“

Keine Beweise, keine Anklage und deshalb zahlte die Versicherung. Über einen Vergleich erzielte Angsten 2,2 Millionen Mark, mehr als die Hälfte der Versicherungssumme. Mit der Summe hätte zumindest ein Teil des Schadens behoben werden können. Doch schnell wechselte das Schloss erneut den Besitzer. Für eine Mark ging das Schloss im Frühjahr 2001 an den ehemaligen Magdeburger Rudolf Schmidt.

Die untere Denkmalschutzbehörde des damaligen Bördekreises hatte gehofft, dass das Land von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen würde, als das Schloss im Frühjahr 2001 zum Verkauf stand. Jedoch lehnte das Land ab.

Schlossruine vor Verfall schützen

Vorschnell hatte Schmidt seinerzeit verkündet, die Ruine dieses traditionsreichen Hauses vor weiterem Verfall zu schützen und das Gebäude möglichst weitgehend originalgetreu wieder herzurichten. Ein erstes Gutachten hätte damals ergeben, dass etwa zehn Millionen Mark nötig wären, um das Schloss wieder aufzubauen. Nichts ist passiert. Seit dem Brand, also seit 20 Jahren, ist das einst prächtige, unter Denkmalschutz stehende Schloss unaufhörlich dem Verfall preisgegeben. Im Frühjahr 2013 folgt der nächste Schock für die Groß Germersleber. Der Neonazi Oliver Malina, der bis dato in Nienhagen bei Halberstadt Rechtsrockkonzerte organisierte, kauft das Schloss, um dort derartige Konzerte zu veranstalten. Die Bürger des Dorfes wehren sich, gründen eine Bürgerinitiative und so können sie verhindern, dass die Rechtsrockkonzerte vor der Kulisse des abgebrannten, denkmalgeschützen Schlosses und im ebenso denkmalgeschützten Parks stattfinden. Mit dem Groß Germersleber Mario Fleischhauer haben Schloss und Park seit Februar 2014 wieder einen neuen Besitzer.

Gero von Byern ist nach der Wende mit seinem Vater Hans-Wolfgang, der 1945 Groß Germersleben verlassen mussten, an die Ursprünge seiner Vorfahren zurück gekehrt. Man habe seinerzeit die Ackerflächen und das einstige Gut zurück gekauft, für das Schloss fehlte das Geld. Erst recht nach dem Brand. „Meinem Vater hat es das Herz gebrochen“, sagt der Landwirt, der auf dem einstigen Gut lebt, unmittelbar neben dem Schloss. „Was ich nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass sich das Land, der Landkreis und auch die Gemeinde, allen voran die Denkmalschutzbehörde, die Anfang der 1990er Jahre über eine Millionen Euro, die in das Schloss gesteckt worden sind, nicht zurück gefordert haben“, sagt Gero von Byern.

Die 85-jährige Elfriede König lebt seit 1964 in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses. „Den Brand haben wir damals verschlafen. Alle Rolläden am Haus waren geschlossen, wir haben nichts gehört. Noch tut es weh, täglich auf die Ruine zu schauen, aber man gewöhnt sich daran“, meint die Groß Germersleberin.

Leben mit dem Schloss

Der heutige Ortsbürgermeister Donald Dölle sagt: „Nach nunmehr 20 Jahren sind noch immer viele Einwohner von Groß Germersleben fassungslos, was aus dem einstmals herrlichen Schloss und dem dazu gehörigen Park geworden ist. Gerade die ältere Generation ist besonders betroffen, sie verbinden viele Erinnerungen ihres Lebens mit dem Schloss. Ich persönlich habe in meiner Kindheit viel Zeit im Schloss und Park verbracht, bin ich hier in den Kindergarten gegangen. Hier ist ein Stück Heimat verloren gegangen. Leider hat sich nach dem verheerenden Brand am 3. November 1999 scheinbar niemand ernsthaft mit der Sicherung der Brandruine und einem eventuellen Wiederaufbau der noch vorhandenen Bausubstanz befasst. Ich als Groß Germersleber frage mich heute noch oft, was mit dem Schloss geschehen wäre, würde es in einem Bundesland wie Bayern oder Baden-Württemberg stehen. Wo war eigentlich in all den Jahren die Denkmalschutzbehörde? Hat sie den Brand vielleicht gar nicht mit bekommen? Als langjähriges Gemeinderatsmitglied und heutiger Ortsbürgermeister kann ich mich nicht erinnern, dass es jemals eine Nachfrage seitens des Amtes gab. Für mich ist und bleibt es eine Schande, wie hier in diesem Bundesland mit geschichtsträchtigen Denkmälern umgegangen wird. Dieses Schloss ist nach der Wende vom Regen in die Traufe gekommen. Hoffentlich muss ich es nicht noch erleben, wie die Mauern in sich zusammen fallen.“

Roswitha Dukat ist die Vorsitzende des Heimatvereins. Sie ist in Groß Germersleben aufgewachsen, hierher zurückgekehrt. Auch sie sagt, mit dem Brand seien viele Kindheitserinnerungen einfach in Rauch aufgegangen.