Serie „Otto ist Einheit“ über 35 Jahre Wiedervereinigung Von West nach Ost: In Magdeburg mehr Wohlfühlstatus als in Bayern
Die Professorin Heike Walles hat im Berufs- und Privatleben schon viel gesehen. Magdeburg ist aber ihr Wohlfühlort geworden. Das sind die Gründe.

Magdeburg - In einer Serie erzählen Menschen aus Magdeburg mit Ost- oder West-Hintergrund ihre Geschichte über Wiedervereinigung und Deutsche Einheit seit 35 Jahren. Hier Biologie-Professorin Heike Walles von der Otto-von-Guericke-Universität.
Jedes Mal, wenn sich Familie Walles dem größten Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze in Marienborn nähert, gibt es im Auto von den Eltern eine Ansage an die Kinder auf der Rücksitzbank: „Jetzt wird nicht gescherzt. Benehmt euch!“ Regelmäßig stehen Besuche bei Verwandten in Ost-Berlin an und das Passieren der Kontrollpunkte ist Heike Walles, die 1962 in Wiesbaden geboren wird, in starker Erinnerung geblieben.
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„Als ich das wirklich mitgekriegt habe, vielleicht so mit zehn Jahren, da hat sich das einfach abgespeichert. Bis heute.“ Als sich die Grenzen am 9. November 1989 öffnen, sei das „unglaublich berührend und zuweilen unreal“ gewesen, sagt die Biologie-Professorin, die heute an der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg arbeitet und erfolgreich forscht. „Ich habe die Demos damals mitbekommen. Es war unfassbar mutig von den Menschen, trotz Drohungen und möglicher persönlicher Nachteile auf die Straße zu gehen.“
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30 Jahre später kommt sie wieder mit der Angst und den großen Hoffnungen von damals in Verbindung: Bei der Stadtrauminszenierung „UTOP89 – und wer kümmert sich jetzt um die Fische?“ (Konzept: Meret Kiderlen/Kim Willems) des Theaters Magdeburg. „Das waren Spaziergänge mit Kopfhörern durch die Stadt, mit vielen berührenden und beklemmenden Momenten“, erinnert sich die zweifache Mutter.
Über Stuttgart und Würzburg nach Magdeburg
Heike Walles studiert nach dem Abitur Biologie in Freiburg und Gießen. Über Stationen in Hannover, wo sie ihre Juniorprofessur ablegt, Stuttgart und Würzburg kommt sie 2018 nach Magdeburg an die hiesige Universität. Anlass ist ein beruflicher Wechsel ihres Mannes, der seit 2017 die Thoraxchirurgie am Magdeburger Universitätsklinikum leitet.
Per Fahrrad die Stadt gecheckt
Magdeburg ist damals für beide „die große Unbekannte“. „2016 sind wir für ein verlängertes Wochenende hier gewesen, um zu gucken. Wir hatten wirklich bis dahin kein Bild von Magdeburg“, erzählt Heike Walles, die seit 2010 bis 2012 Mitglied des Deutschen Ethikrates war. „Wir haben uns Fahrräder ausgeliehen und alles erkundet. Das hat uns überzeugt. Wir wollten beide an diesem Standort arbeiten, ohne jede Pendelei.“ In diesem Moment, so schätzt die Biologin heute, habe sie „reflektiert, dass der Osten so viel mehr ist, als Berlin.“ Heike und Thorsten Walles sind gewillt, als „Dual Career Couple“ in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Fuß zu fassen.
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„Heute wissen wir, dass uns das wunderbar gelungen ist und wir angekommen sind.“ Magdeburg habe als „kleine Großstadt“ ihren ganz eigenen Charme und ihre ganz eigenen Vorteile. „Was im Übrigen auch für die Otto-von-Guericke-Universität gilt“, sagt Heike Walles mit einem zufriedenen Lächeln.
Ausgründung mit einer Firma
Der Hochschulwechsel von Würzburg in Bayern nach Magdeburg geht für Heike Walles mit der erfolgreichen Versetzung ihrer Professur einher. An der Otto-von-Guericke-Universität sei es einfacher zu netzwerken und Expertisen zu bündeln. „Ich bin ein großer Fan interdisziplinärer Arbeit.“ Als Leiterin der Core Facility Tissue Engineering lebt sie Beruf und Berufung – in einem kleinen Team und mit sehr anwendungsorientierter Forschungsausrichtung. Heike Walles ist spezialisiert auf Gewebezucht, also auf die künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch Zellkultivierung, um kranke Gewebe zu regenerieren oder gar neu zu ersetzen.
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Neben der Transplantationsmedizin kommen die Gewebezüchtungen zum Beispiel auch in der Krebsforschung zum Einsatz. „Ganz neu ist, dass wir eine kleine Firma ausgegründet haben, um sichtbarer zu werden. Die von der Otto-von-Guericke-Universität gehaltenen Patente konnten dafür erfolgreich auslizensiert werden.“
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Kommen heute im Umfeld des Ehepaars Walles Ost-West-Diskussionen auf, so hören sie oft mit einem Augenzwinkern: „Ach ihr! Ihr seid doch schon ossimiliert.“ „Und es stimmt“, sagt Heike Walles, die zentral im neuen Domviertel wohnt und sich grundsätzlich über medial forcierte Ost-West-Ansichten und überholtes Schubladendenken ärgert. „Wir haben hier mittlerweile einen Wohlfühlstatus erreicht, den wir in Bayern nie hatten.“ Würzburg, von wo aus sie nach Magdeburg gekommen sind, sei „sehr eingefroren“.
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In Magdeburg gehe es nach vorn. „Wir lieben die Kulturszene und an der Elbe Fahrrad zu fahren. Mein Mann und ich können uns sehr gut vorstellen, hier alt zu werden.“