Oschersleben l Herzlich wird man als Gast von Udo und Cornelia Herrmann in ihrer Wohnung empfangen. Der Duft nach neuen Möbeln liegt noch in der Luft. Bilder des Ehepaars und Porzellanfiguren zieren das Sideboard im Wohnzimmer. Das Ehepaar lebt seit 2019 in der neu renovierten Wohnung. Es gehört zum Wohnbereich „Alte Gärtnerei“ der Matthias-Claudius-Haus-Stiftung. „Die Leute leben hier zu dritt oder zu zweit in einer Wohngemeinschaft. Das Ehepaar Herrmann nutzt eine Zweier- WG als Wohnung“, sagt Steffi Matthias. Sie ist die Gruppenleiterin für den Wohnbereich.

Udo und Cornelia Herrmann leben seit 2009 in Oschersleben. Beide haben eine geistige Behinderung. Da beide dadurch in der Organisation ihres Alltags Hilfe benötigen, wohnen und arbeiten sie in der Matthias-Claudius-Haus-Stiftung. In jungen Jahren lernten sich die beiden kennen. „Auf einer Faschingsfeier in Großpaschleben“, sagt Udo Herrmann. Cornelia lebte damals noch in Schneidlingen in der Klusstiftung. Bei jedem Besuch ihres Mannes holte sie ihn von der Bushaltestelle ab. Eines Tages fasste Udo Herrmann den Entschluss und hielt bei Cornelias Vater um die Hand seiner Tochter an - mit Erfolg. Am 25. Juli 1995 heiratete das Paar kirchlich in Schneidlingen. „Ich habe zum Pfarrer bei der Hochzeit gesagt: ,Ich lasse mich nicht trennen von der Conny’“, sagt Udo Herrmann. In diesem Jahr feierte das Paar gemeinsam mit einigen Mitarbeitern und Mitbewohnern seine Silberhochzeit. Organisiert hatte die Feier Sonja Heinemann. Sie ist die Bezugsbetreuerin der Herrmanns. Jeder Bewohner hat solch einen Bezugsbetreuer. Dieser kümmert sich um alltägliche Dinge wie den Kauf von Kleidung oder auch Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag. Auch bei Arztbesuchen oder bei Einkäufen ist der Bezugsbetreuer dabei.

Kein Geheimrezept

Auf die Frage nach einem Geheimrezept für 25 Jahre Ehe lächeln Udo und Cornelia Herrmann. „Das haben wir nicht“, sagt der 72-Jährige. Er ist der Selbstständigere von beiden, da seine geistige Behinderung etwas weniger ausgeprägt ist als bei seiner Frau. Oft antwortet er auf die Fragen, die Cornelia Herrmann gestellt werden. Immer mit einem liebevollen Blick zu seiner Conny, wie er sie nennt. Während der Rentner allein einkaufen kann, wird die 59-Jährige dazu begleitet.

Ihren Tag verbringen die beiden in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen im Neubrandslebener Weg. Um 7.30 Uhr beginnt für Cornelia Herrmann die Arbeit in der Montage. Hier packt sie unter anderem Feuchttücher für Firmen ab. Ihr Ehemann verbringt im Seniorenbereich seinen Vormittag. „Wir gehen Einkaufen oder basteln“, sagt er. Vor seinem Rentnerdasein arbeitete er 20 Jahre in der Tischlerei der Matthias-Claudius-Stiftung. Auch jetzt noch, im Seniorenbereich, bastelt er gerne mit Holz. Nachmittags geht er in seine Wohnung zurück und wartet bis seine Frau Feierabend hat. Jeden Tag holt der Rentner seine Conny von der Arbeit ab. Dann geht es wieder zurück in die Hermann-Krebs-Straße zum Kaffee trinken. „Die Mitarbeiter unterhalten sich dann mit den Bewohnern darüber, was noch am Tag anliegt“, sagt Steffi Matthias. Drei Mal pro Woche geht Udo Herrmann für alle Bewohner beim nahegelegenen Bäcker Brot holen. Um 18.30 Uhr gibt es im Gemeinschaftsraum das Abendessen für alle.

Stickarbeiten für den Weihnachtsmarkt

In ihrer Freizeit und am Wochenende beschäftigt sich das Ehepaar Herrmann unterschiedlich. Udo mag Stickarbeiten. Diese verkaufte er in den letzten Jahren an einem eigenen Stand auf dem „Besonderen Weihnachtsmarkt“ des Matthias-Claudius Hauses. Auch Märchen haben es ihm angetan. Jedes Detail kennt er auswendig. „Schneeweißchen und Rosenrot wurde auf Burg Falkenstein gedreht“, weiß der 72-Jährige zu berichten. Cornelia Herrmann liebt Volksmusiksendungen im Fernsehen. Auch beim Kuchenbacken an den Wochenenden hilft sie gerne. Ihre Wohnung putzen die beiden mit Hilfe eines Mitarbeiters. Sonntags haben die beiden Tischdienst. Sie decken die Tische für die Mitbewohner ein und räumen nach dem Essen das Geschirr in den Geschirrpüler.

Das Leben im Wohnbereich gefällt dem Paar. „Vor allem, dass man mit den Mitarbeitern auskommt“, sagt Udo Herrmann. Das Gefühl, durch ihre Behinderung anders zu sein, haben sie nicht. Auch Steffi Matthias hat in Oschersleben noch nicht bemerkt, dass Menschen mit Behinderungen auf der Straße anders behandelt werden. „Hier in Oschersleben ist das Claudiushaus gang und gäbe. Von daher ist es ganz normal, dass man auf Menschen mit Behinderungen trifft“, sagt sie. Auch das Ehepaar Herrmann lebe trotz ihrer geistigen Behinderung wie jedes andere Paar.