Oschersleben l Gabriele und Tino Kopf haben ihre eigenen Kinder aufwachsen sehen, freuen sich über das Wachsen und Gedeihen ihrer Enkelkinder und über jeden Fortschritt ihrer beiden Pflegekinder. Beide Kinder leben dauerhaft in der Familie, im Amtsdeutsch heißt das Dauerpflegestelle. Doch Kopfs springen auch ein, wenn es „brennt“. Als Bereitschaftspfleger sind sie da, wenn Kinder von jetzt auf gleich aus einer Familie genommen werden müssen. Seit 1996 ist die Oschersleber Familie eine Pflegefamilie, 1994 war ihre jüngste Tochter und damit das vierte Kind geboren. Die Pflegekinder haben das Familienleben nachhaltig geprägt. Zwei Töchter sind Heilerziehungspfleger, die jüngste schloss ihren Bachelor in Soziale Arbeit ab. Aktuell ist sie im Masterstudiengang Kindheitswissenschaften und Kinderrechte.

Viel haben der Kripo-Beamte und die Hausfrau mit ihren Pflegekindern erlebt, nicht immer schöne Dinge. Und doch sagen sie wie aus einem Mund: „Wir haben ganz viel zurück bekommen.“ Insgesamt 20 Kinder haben Gabriele und Tino Kopf ein Stück auf ihrem Lebensweg, der mitunter schon sehr steinig begonnen hat, in den vergangenen mehr als 20 Jahren begleitet. Nicht jedes Mädchen oder jeden Jungen haben sie nah an sich heran gelassen. Auch das müssen Pflegeeltern lernen: Oft, gerade bei der Bereitschaftspflege, sind die Kinder nur für eine kurze Zeit in der Pflegefamilie. „Doch man vergisst kein Kind, egal wie lange sie bei uns waren“, sagt das Ehepaar.

Tino Kopf ist Vorsitzender des Vereins der Pflege- und Adoptiveltern im Landkreis Börde. Seit zehn Jahren gibt es diesen Verein, der 24 Mitglieder hat. „Gerade in der Anfangszeit brauchen Pflegeeltern Unterstützung. Jedes Pflegekind bringt einen großen Rucksack an Problemen mit. Die wollen gemeistert sein. Oft wurde ich schon um Rat gefragt, egal, ob es um die Kinder oder um das Jugendamt ging. Damit sich Pflege- und Adoptiveltern auch mal austauschen können, ist der monatliche Stammtisch ins Leben gerufen worden“, erzählt Tino Kopf.

20 Kinder auf ihrem Weg begleitet

In der Adventszeit steht wieder die Weihnachtsfeier an. Die wird in diesem Jahr von der Landtagsabgeordneten Doreen Hildebrandt (Die Linke) unterstützt. „Für die Kinder ist die Feier ein schönes wie wichtiges Ereignis. Sehen sie doch, dass auch andere Mädchen und Jungen bei Pflegeeltern leben oder adoptiert sind“, weiß Gabriele Kopf aus Erfahrung.

Gern wäre der Verein mehr für Pflege- und Adoptiveltern aus den ehemaligen Landkreisen Haldensleben und Wolmirstedt da. „Es ist schwierig, über die Entfernung zusammenzufinden, andere Pflege- und Adoptiveltern zu erreichen. Ich kann mir aber vorstellen, dass auch sie Redebedarf haben, sich gern mit anderen, beispielsweise beim Stammtisch, austauschen möchten. Das geht los bei der Frage, wer einen guten Therapeuten, Kinderarzt, Logopäden oder Ergotherapeuten kennt“, berichtet Gabriele Kopf. Sie fände es schön, wenn sich der Verein für einen besseren Austausch untereinander mit anderen Vereinen, aber auch mit anderen Pflegeeltern vernetzen könnte. Ein Netzwerk wäre auch in der Hinsicht schön, Pflegeltern zu entlasten. Manchmal brauchen auch diese mal eine Pflegeoma, die einspringt, wenn die Pflegeeltern beispielsweise an einer Schulung teilnehmen, einfach mal Zeit für sich haben möchten. „Uns ist klar, dass das schwer umsetzbar ist“, meint Pflegepapa Tino Kopf.

Weiterbildungen abgeschafft

In der Vergangenheit hat der Verein Schulungen und Weiterbildungen für Eltern organisiert. Das wurde ad acta gelegt. Andererseits sieht es das Ehepaar Kopf als erfahrenes Pflegeelternpaar als zwingend notwendig an, dass Pflegeeltern die Möglichkeit bekommen, sich auf eine Pflegschaft vorzubereiten, sich weiterzubilden. Das betrifft Themen wie Trauma, Bindungsprobleme, Erkrankungen, Verhaltens-auffälligkeiten oder rechtliche Dinge. „Wichtig ist es zu erkennen, welche Bedarfe die Kinder haben. Viele von ihnen haben Beeinträchtigungen, Förderbedarf. Sie müssen dort ‚abgeholt‘ werden, wo sie stehen. Die Kinder sind sehr unterschiedlich, bringen oft schlimme Erfahrungen mit. Man muss schon kämpfen“, weiß Gabriele Kopf aus der Praxis. Das wird dem Ehepaar Kopf beim täglichen Umgang mit ihren aktuellen Pflegekindern mehr als deutlich. Bei Familie Kopf leben in Dauerpflegschaft ein fünfjähriger Junge und die elfjährige Mary-Ann. Beide Kinder haben Einschränkungen, einen hohen Förderbedarf. Die Pflegekinder bringen ordentlich Stimmung ins Haus. Doch Kopfs sind erfahrene Eltern, möchten die Beiden nicht missen.

Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre wissen die 57-jährige Gabriele und der 58-jährige Tino Kopf: „Es ist schön zu wissen, dass da jemand ist, der uns auffängt. Pflegeeltern brauchen ein stabiles Umfeld, jemanden der es mitträgt. Dieses stabile Umfeld haben wir mit unserer Familie, aber auch mit dem Verein.“

Wertschätzung fehlt

Im Verlauf der vergangenen Jahre haben nicht nur die Pflegeeltern Kopf festgestellt, dass sich immer weniger Menschen entscheiden, ein Pflegekind aufzunehmen. „Vielleicht auch, weil die Wertschätzung fehlt.“

Verein für Pflege- und Adoptiveltern „Börde“, Damaschkeweg 24, Oschersleben, Telefon: 03949/949230, Vorsitzender Tino Kopf