Neindorf l Seit 125 Jahren gibt es in Oschersleben, und später in Neindorf, ein Krankenhaus. In der Triftstraße der Bodestadt, wo sich heute das Landratsamt befindet, nahm die Geschichte der medizinischen Versorgung der Menschen hier in der Region ihren Lauf. Mit einem Tag der offenen Tür wird am 24. August der runde Geburtstag des Krankenhauses gefeiert.

Das Jubiläum ist Anlass genug, einmal zurück zu schauen, in der Historie zu blättern sowie in Fotoalben und Kisten zu stöbern. Die Volksstimme beginnt heute mit einer Artikelserie zu „125 Jahre Krankenhaus“. Wir lauschen den Geschichten von Dr. Heike Bien, aber auch der 101-jährigen Ingeburg von Knorre. Ihr Mann Hellmuth von Knorre kam im Juli 1945 als Internist in das Krankenhaus und hat dieses mit seinem Wirken über die Orts- und Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Nanny Reinhardt ist stolze 97 Jahre alt. Sie hat als junges Mädchen im alten Krankenhaus in der Triftstraße als „kleine Schwester“, wie sie Hilfsschwestern bezeichnet, gearbeitet. Auch ihre Erinnerungen haben wir festgehalten.

Krankenhaus auch ihre eigene Geschichte

Wahllos greift Dr. Heike Bien in die Fotokiste, zieht ein Foto heraus. Die Kiste und auch die Fotoalben wären beinahe im Ofen gelandet, sind aber noch rechtzeitig gerettet worden. Viele Geschichten kann die heutige Chefärztin erzählen, auch wenn sie nicht einmal halb so alt wie das Krankenhaus ist. Das hat einfach damit zu tun, dass scheinbar viele ehemalige und noch heutige Angestellte über Generationen hinweg eine Verbindung zum Krankenhaus haben.

So hat die Mutter von Heike Bien in Neindorf Krankenschwester gelernt, um später als Gemeindeschwester in Wackersleben zu arbeiten. „Ich bin mit dem häufigen Klopfen an das Schlafzimmerfenster, wenn Kranke Hilfe brauchten, groß geworden oder mit der Wundversorgung am Küchentisch“, erinnert sie sich. Die Saat, selbst einmal einen medizinischen Beruf zu erlernen, war also gelegt. Von 1980 bis 1981 arbeitete Heike Bien, die im Neindorfer Krankenhaus geboren ist, hier ihre Masern auskurierte und den Blinddarm verlor, ein Kind entbunden hat, vor dem Medizinstudium als pflegerische Hilfskraft. „Für mich stand immer fest, dass ich nach dem Studium nach Neindorf zurück gehe“, erzählt sie. Wie auch die Tatsache, dass während ihres einjährigen Praktikums das Interesse für die Chirurgie geweckt war und sie tatsächlich 1987 nach Beendigung des Studiums als Assistenzärztin in Neindorf begann. „Hier gab es schon immer eine enge Gemeinschaft, die sicher auch darin begründet war, dass beinahe alle Ärzte und Schwestern hier gewohnt haben. Anders hätte das Dienstsystem gar nicht funktioniert“, ist die Ärztin überzeugt.

Dörfliche Infrastruktur war große Hilfe

Während der Dienste auf dem Notarztwagen, damals fuhr auch stets eine Schwester mit, habe sie viele spannende Sachen erlebt. Aber in den alten Kisten, wie sie die Krankenwagen bezeichnet, ist ihr bei der Fahrt über das Holperpflaster der Bördestraßen so manches Mal schlecht geworden.

Heike Bien ist überzeugt, dass jeder Mitarbeiter der Klinik viele Geschichten erzählen könnte. Oft haben Onkel, Tante, Geschwister oder gar die Eltern im Krankenhaus gearbeitet. Ihr sind besonders die aus der schweren Nachkriegszeit, die ihr wiederum erzählt wurden, in Erinnerung geblieben. So ranken sich viele Geschichten um einen Koch, der 1941 angestellt wurde. Er habe für eine gute Krankenhauskost gesorgt. Diese habe gerade in Zeiten des Hungertyphus mehr Menschen das Leben gerettet, als es die Medizin damals hätte leisten können. Über Jahrzehnte wurden für das Krankenhaus 50 Schweine im Jahr geschlachtet, die von den Abfällen gefüttert wurden. Es gab eine Obstplantage und einen Küchengarten.

Ställe, Gärtnerei, Nähstube

Bis zu sechs verschiedene Gerichte kamen täglich auf den Tisch. „Die dörflich geschlossene Infrastruktur mit Ställen, Gärtnerei, Wäscherei, Nähstube, Maler, Maurer und Sattlerei hat dazu geführt, dass man sich in Zeiten des Mangels selbst helfen konnte. Für die Messe der Meister von Morgen wurden verschiedene Projekte auserkoren. Beispielsweise entwickelte das Krankenhaus auf diesem Wege eine Orthese“, berichtet die Chirurgin.

Gern hat sie in der Näherei vorbei geschaut. Aber nicht nur um einen Kittel reparieren zu lassen. Hier wurden eben auch Krankenhausgeschichten erzählt.

„Jede Zeit ist spannend. Es ist ein hoher Anspruch mit der medizinischen Entwicklung immer Schritt zu halten. Aber das haben uns Generationen von Ärzten vorgelebt“, meint Heike Bien mit Blick auf das heutige Krankenhaus. Auch wenn es ein Neubau ist, das Historische ist noch heute überall zu spüren. Auch deshalb seien die Fotos vor dem Feuer gerettet worden, um Geschichte und Geschichten zu bewahren.