Dalldorf/Oschersleben l Nicht immer findet Denise Jura für ihre wichtige Arbeit eine so „komfortable“ Umgebung wie auf ihrer aktuellen Baustelle in der Puschkin-Sporthalle vor. Die Restauratorin arbeitet oft in Gebäuden, die nicht nur Jahrzehnte, sondern sogar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Oft ist es kalt oder schmutzig. Und doch: „Das was ich entdecke oder zutage bringe, ist hoch interessant. Das entschädigt für so manche Unannehmlichkeit“, meint die 38-Jährige. Ja, sie ist in ihrem Beruf angekommen. Das stellt sie unumwunden fest.

Lange Zeit wusste die junge Frau aus Stapelburg gar nicht, wo es beruflich für sie überhaupt mal hingegen soll. Als sie Schülerin der 10. Klasse des Ilsenburger Gymnasiums war, fuhr die Kunstlehrerin mit den Kursteilnehmern in das Schloss nach Wernigerode. Dort war gerade ein Restaurator am Werk. Sehr genau beobachtete die damalige Schülerin die Arbeit. Am Ende des Schulausflugs sagten ihre Mitschüler: „Das ist genau dein Beruf.“ Recht sollten sie behalten. Nach dem Abitur machte Denise Jura ein zweijähriges Vorpraktikum in einer Blankenburger Firma. An der Erfurter Fachhochschule konnte sie tatsächlich 2004 einen Studienplatz ergattern. Es schwingt schon ein wenig Stolz in ihrer Stimme mit, wenn Denise Jura vom bestandenen Eignungsverfahren berichtet.

Etliche Tests waren zu absolvieren

„In der Vorauswahl mussten viele praktische Sachen wie Zeichnungen und 3D-Objekte eingereicht werden. 200 Leute hatten sich ursprünglich für den Studiengang beworben, 40 Leute wurden zum Eignungstest eingeladen. An jenem Tag mussten etliche Tests, die manchmal nur 20 Minuten dauerten, absolviert werden. Ende gut, alles gut: Denise Jura gehörte zu jenen 20 Leuten, die sich über einen Studienplatz freuen konnten. „Ich weiß heute, dass wir in Erfurt eine sehr praxisnahe Ausbildung genießen konnten. Das wurde mir bei einem Austausch mit der Fachhochschule Köln bewusst. Dort hatten die Studenten zum Zeitpunkt unseres Besuches noch nie am Original gearbeitet. Bei uns in Erfurt ging es schon nach sechs oder acht Wochen unter Beobachtung der Professoren schon los“, erinnert sich Denise Jura an ihre Studienzeit. Sie berichtet von zahlreichen Praktika und kleineren Baustellen in Erfurt.

Ihre Diplomstelle hat Denise Jura im Bunten Hof in Osterwieck gefunden. Dieser dreistöckige Fachwerkbau, zwischen 1579 und 1582 errichtet, wurde nach 31 Jahren Leerstand von 2011 bis 2017 saniert. „Das Haus war vor einer Umnutzung noch nicht konservatorisch und restauratorisch untersucht. Das war meine Aufgabe im Rahmen der Diplomarbeit. Ich habe damals auf zwei Probeflächen nach der ursprünglichen Wandbemalung gesucht und bin gleich auf eine Wandbemalung aus dem Jahr 1582 gestoßen. Das war wie ein Sechser im Lotto“, weiß es Denise Jura noch wie heute. Die Fragmente der Wandmalerei fand die Restauratorin im einstigen Rittersaal.

Nachdem Denise Jura 2010 das Diplom in der Tasche hatte, arbeitete sie kurzzeitig in jener Blankenburger Firma, in der sie das Vorpraktikum leistete.

Mit dem 1. Januar 2011 machte sich die junge Frau selbstständig. „Anfangs zweifelte ich oft, ob es der richtige Schritt war. Schließlich musste ich mir bei Behörden, Firmen, aber auch bei Privatpersonen, erst einen Namen machen. Dafür ging ich Klinken putzen, nahm an zahlreichen Ausschreibungen teil“, erzählt Denise Jura über die Anfänge als Solo-Selbständige.

Mit großer Sorgfalt auf Spurensuche

Denise Jura Schwerpunkte liegen auf der Konservierung und Restaurierung von Wand- und Deckenmalereien, Wand- und Fußbodenmosaiken. Sie stellt umfangreiche Voruntersuchungen an, ehe die eigentliche Arbeit beginnen kann. Mithilfe von Fotografien nimmt die Restauratorin eine Zustands- und Schadkartierung vor.

„Jedes Objekt ist anders, jedes ist einzigartig.“ Dieser Satz ist Denise Juras Leitspruch. Mit großer Sorgfalt und Spannung geht sie in historischen Gebäuden auf Spurensuche. Wie sagt sie so treffend: „Oft bestehen Denkmale, wie eine Zwiebel, aus unterschiedlichen, auf einander folgenden Schichten, die jede für sich Zeugnis ihrer Zeit darstellt.“ Etliche Zeitzeugen hat die Restauratorin, die seit Ende 2017 in Dalldorf ein neues Zuhause fand, schon in denkmalgeschützten Gemäuern aufgespürt. So arbeitete Denise Jura im historischen Oschersleber Bahnhof, bevor die Sanierung startete. Auch hier förderte sie alte Farbschichten zutage und entdeckte, dass in der Deckenbemalung Blattgold verwendet wurde.

Aktuell arbeitet Denise Jura in der alten Puschkin-Sporthalle. Auch hier hat sie die Farbfassungen der einstigen Ausmalung freigelegt. „Diese treppenförmige Freilegung bedeutet: Mit jeder Stufe werden die Farbschichten älter. Der Denkmalschutz wird hier entscheiden, in welcher Farbe die Sporthalle künftig ausgemalt wird. Ich gehe davon aus, dass es die bauzeitliche Fassung, also die aus der Zeit der Erbauung der Sporthalle um 1896 sein wird“, meint die Restauratorin. Sie hat bei ihrer Arbeit in der Puschkin-Halle unterschiedliche Putze und zwei Schichten Parkett frei gelegt.

Seit nunmehr zehn Jahren ist Denis Jura also als selbstständige Restauratorin unterwegs. Sie kann davon leben, aber sicher nicht im Luxus schwelgen. „Aber ich arbeite als Restauratorin, viele meiner Mitstudenten nicht mehr.“ Was es aber heißt, Solo-Selbständig zu sein, hat auch sie in Zeiten von Corona lernen müssen. Keine Aufträge, kein Geld. Die Dalldorferin hat einen Zuschuss beantragt, aber in einem sehr geringen Maße, schließlich muss dieser zurück gezahlt werden. Und heute kann niemand sagen, welche Auswirkungen die Pandemie später noch haben wird. Um überhaupt Einnahmen zu haben, suchte sich Denise Jura zwischenzeitlich einen Nebenjob auf 450-Euro-Basis.