Groß Garz l „Ist denn heute schon Weihnachten“, fragte der Organist Reiner Kilian angesichts der Menschen, die am Nachmittag des 3. Advent wie zu Heiligabend in die Groß Garzer Dorfkirche strömten. Der Gemeindekirchenrat hatte alle eingeladen, um mit einer Andacht das letzte Läuten der Glocke von Hand nicht einfach so vorbeigehen zu lassen.

Manfred Herrmann, Pfarrer i.R., erinnerte nach dem Adventslied „Macht hoch die Tür“ daran, dass es vor der Ersterwähnung des Ortes vor 725 Jahren längst eine Kirche gab. Der Turm wurde später angebaut. Wann genau, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass die derzeitige Glocke seit fast 200 Jahren im Turm hängt. „Umgegossen auf Kosten der Gemeinden Groß-Garz und Haverland ... von H. Engelcke in Halberstadt 1827“ kann man als Inschrift auf ihr lesen.

An die vielen namenlosen Männer, die in Jahrzehnten ungezählte Male den Turm erklommen, um sie zum Klingen zu bringen, erinnerte Cornelia Herrmann. Sie entwarf ein Bild davon, wie die Turmluken geöffnet, die Glocke in Schwung gebracht, ge- und wieder angehalten wird. Aber auch, was einen Glöckner bewegt, der auf sein Dorf hinabblickt, Taufgesellschaften oder Hochzeitszüge kommen sieht oder sich beim Überläuten an einen Verstorbenen erinnert, kam zur Sprache.

Viele Menschen haben in den letzten Jahrzehnten für das regelmäßige Geläut, aber auch für den Brauch des Überläutens und Beerdigungsläutens gesorgt. Dazu gehören Karl-Heinz Wulf, Josef Preis, Lutz Weber, Uli Stappenbeck, Helmut Stache, Detlev Steinke, Daniel Stappenbeck, David Pichanski, Christoph Heine, Mathias Steinke, Markus Heine und Albrecht Herrmann.

Fast alle waren da oder durch ihre Familie vertreten und erhielten einen Dank der Kirchgemeinde. Ebenso wie die Frauen vom Gemeindekirchenrat Ingrid Kaiser, Martina Schulz, Susan Becker, Anke Priebe und Renate Dallmann. Sie opferten und opfern viel Zeit und Nerven für die Spendensammlung und den nun beginnenden Einbau einer Läuteanlage und Turmuhr.

Mit dem letzten langjährigen Glöckner Albrecht Herrmann stiegen dann viele auf den Kirchturm – manche zum ersten Mal im Leben – um dem letzten Handläuten zuzusehen. Sie konnten sich davon überzeugen, dass er es beherrscht, den Klöppel am Ende beherzt festzuhalten.

Die nicht ganz so Mutigen hörten von unten zu, bevor sich alle bei Kaffee, Glühwein und Plätzchen noch in der Kirche zusammenfanden und austauschten.