Lückstedt l Bei der momentan recht kontrovers und emotionalen Diskussion der Flüchtlingsproblematik quer durch alle politischen Lager schien den Verantwortlichen vom Therapeutischen Gut Priemern ein Tag der offenen Tür in der Lückstedter Wohngruppe wohl etwas gewagt. Und so waren am Sonnabend vor allem Vertreter unter anderem aus Vereinen, Kitas, Feuerwehren, die zuständigen Polizeikontaktbeamten und Kommunalpolitiker eingeladen, sich ein Bild von der Unterkunft und zu machen und mit den zwölf Jugendlichen aus Afghanistan ins Gespräch zu kommen.

Bei den Jugendlichen handelt es sich um sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF), die zum Teil eine monatelange und lebensgefährliche Odyssee über tausende Kilometer hinter sich haben, um auf der Suche nach einer besseren Zukunft den unsicheren Verhältnissen in ihrer Heimat zumindest eine Zeit lang zu entfliehen.

Ins Gespräch kommen, das funktioniert nach rund vier Monaten zumindest einigermaßen, wobei Piktogramme, wie sie Jugendverbundsleiterin Ramona Lenz und Hussein vorführten, trotz regelmäßigen Deutschunterrichts noch immer gute Dienste leisten. In gebrochenem aber verständlichen Deutsch hatte zuvor Kamran, der auch fließend englisch spricht, die katastrophale Situation Zuhause geschildert. Und dabei offenbart, welche Pläne sie für die Zukunft schmieden und dass sie hier sind, um etwas zu lernen, vielleicht sogar zu studieren oder „Weltmeister im Ringen“ zu werden, wie es sich Hamid wünscht, der in einem Stendaler Sportverein trainiert. So wie andere seiner Mitstreiter schon in Vereinen Fußball spielen, wegen der bürokratischen Hürden aber noch nicht an Punktspielen teilnehmen dürfen.

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Dafür sollte es demnächst mit dem Besuch einer Bildungseinrichtung klappen, informierte Ramona Lenz über ein vielversprechendes Gespräch mit dem zuständigen Schulamt. Demnach sei geplant, dass die unter 16-Jährigen in den Unterricht an Sekundarschulen integriert werden. Für die älteren Jugendlichen führt der Weg in die Berufsbildenden Schulen Stendal. Dass die Jungs wegen der Verständnigungsprobleme noch längst nicht alle Informationen aufnehmen können, ist klar. In dem Fall steht aber der Integrationsgedanke im Vordergrund. Außerdem brauchen sie eine Herausforderung und eine Tagesstruktur.

Auf letztere dürften sie gut vorbereitet sein. Denn feste Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Unterricht, Freizeitaktivitäten und Nachtruhe sind in dem früheren Bürogebäude der Verwaltungsgemeinschaft Lückstedt längst gang und gäbe. Den Haushalt schmeißen sie übrigens selbst, was Koch- und Backaktivitäten einschließt. Wovon sich die Gäste in Lückstedt bei Kaffee und Kuchen überzeugen durften, bevor sie einen Blick in die Zimmer warfen, die sich die Jungs teilweise schon individuell wohnlich eingerichtet haben.

Was den Gästen, unter die sich auch die beiden Verbandsgemeindebürgermeister-Kandidaten Rüdiger Kloth und Daniel Elsholz gemischt hatten, besonders angenehm auffiel, waren Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft der afghanischen Jugendlichen, die sich in ihrer Gruppe als kleine Familie verstehen.

Die Zaungäste revanchierten sich ihrerseits mit Komplimenten und Beifall für die deutsche Begrüßung. Der Bürgermeister der „Altmärkischen Höhe“, Bernd Prange, hatte für die sportbegeisterten Jungs Bälle als Geschenk mitgebracht. Während sich die afghanischen Jugendlichen für die Aufnahme in Deutschland dankbar zeigten, erwiderte Bernd Prange: „Wir müssen eigentlich dankbar sei – nämlich dafür, dass wir hier in Frieden leben dürfen“.