Nach der Wende verfallen

Alter Chef erinnert sich: Sägewerk Walsleben war mehr als ein Broterwerb

45 Autoren kommen im fünften Band von „Wissen der Region“ über die Einheitsgemeinde Osterburg zu Wort. So auch Friedhelm Roesler. Er berichtet über das Sägewerk Walsleben.

Von Astrid Mathis
Das Sägewerk steht seit Jahren verwaist. Die zwei Gatter gingen in das osteuropäische Ausland.
Das Sägewerk steht seit Jahren verwaist. Die zwei Gatter gingen in das osteuropäische Ausland. Foto: Astrid Mathis

Walsleben - „Als mich Dr. Wolfgang Haacker vom Kulturförderverein Östliche Altmark fragte, ob ich über das Sägewerk schreiben würde, war meine erste Reaktion: Da wissen andere mehr. Ich war doch nur von 1987 bis 1990 dort Leiter“, erzählt Friedhelm Roesler.

Am Ende erschien der Beitrag aber doch, „recherchiert, gesammelt und aufgeschrieben mit freundlicher Unterstützung durch Elfriede Schartau“, wie es im Vorspann heißt. Ein halbes Jahr Arbeit steckt darin. „Anfangs war es schwer, die Tatsachen zu sammeln. Ich habe inhaltlich zusammengetragen, Frau Schartau hat auf Genauigkeit geprüft. Inzwischen ist auch sie, die Tochter des letzten Besitzers, gestorben.“

Angefangen hat die Geschichte des Sägewerkes mit dem am 23. Februar 1876 geborenen Friedrich Suthoff. Der führte eine Firma, die aus dem Maurergeschäft Rahmsdorf entstanden war. Suthoffs Frau Frieda war eine geborene Rahmsdorf.

In Spitzenzeiten arbeiteten 60 Beschäftigte im Betrieb

Bis 1927 übernahm die Firma nur Maurerarbeiten. Aber 1926/27 errichtete Suthoff auf einem Acker des Landwirts Otto Grader ein Sägewerk, inklusive Horizontal- und Vertikalgatter, die durch eine Dampflokomotive betrieben wurden. Standen anfangs zwölf Beschäftigte in Lohn und Brot, arbeiteten in Spitzenzeiten 40 Maurer und 20 Sägewerker im Unternehmen.

Suthoffs Söhne Karl und Friedo mussten in den Zweiten Weltkrieg ziehen, überlebten aber glücklicherweise. Friedo geriet in amerikanische Gefangenschaft, wurde 1946 in den amerikanischen Sektor entlassen und kam 1952 nach Walsleben zurück. Fortan gab es zwei eigenständig wirtschaftende Betriebe, den Baubetrieb und das Sägewerk.

Nach dem Krieg nahm zuerst das Sägewerk wieder die Arbeit auf. Neben Reparaturen wurden sogar Bahnschwellen geschnitten. Typisch sei die Werksirene gewesen, die zum Arbeitsbeginn und -ende ertönte.

1959 war das Unternehmen mit 31 Beschäftigen einer der ersten privaten Betriebe mit staatlicher Beteiligung. Die Dampfkraft wurde durch Elektroenergie ersetzt – somit konnten schon 1956 zirka 10.000 Festmeter Rohholz verarbeitet werden. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es nur 1.200 Festmeter. 1972 war der Betrieb mit 38 Beschäftigten voll verstaatlicht.

1987 stieß Friedhelm Roesler zum Werk. „Ich war vorher in der Verwaltung beschäftigt, aber nicht glücklich damit. Als die ZBO (Zwischenbetriebliche Bauorganisation) Osterburg einen Leiter für das Sägewerk suchte, kam mir das zupass. Die Mischung aus Theorie und Praxis war mehr mein Naturell.“ Er stieg als Leiter ein. „Ich habe mit 20 Leuten zusammengearbeitet und erfuhr viel Unterstützung – dabei lernte ich unheimlich viel, zum Beispiel Güteklassenbestimmungen nach den Tegernseer Gebräuchen. Kubiktabellen für die Forstwirtschaft und für Schnittholz waren meine ständigen Begleiter.“ Sein Wissen erweiterte er zudem durch Seminare: „Am Ende wusste ich nicht nur, wie man Bretter und Kantholz herstellt, sondern lernte auch, Holz, Wald und jeden Baum einzuschätzen.“

In den drei Jahren sei „viel umgekrempelt“ und noch mehr geschafft worden: „Lagerhalle, Parkplatz, Betonflächen, Rundholzpolter, gespiegelt zum bestehenden Polter, eine Umfahrung am Polter (Polter: in der Forstwirtschaft gesammeltes und sortiertes Rundholz)“, führt Roesler aus. „Während der laufenden Produktion und der Holzverarbeitung habe ich an Perspektiven gearbeitet. Tausende Kubikmeter mussten für die Betonstraße aufgefüllt werden, die zwischen BHG-Baracke (Bürgerliche Handelsgenossenschaft) und Sägewerk einen Regenwasserkanal bekam, um die Straße zu entwässern. Heute kümmert sich keiner mehr darum. Schade!“

Die Straße führt auf dem Bahndamm der Kleinbahn-Strecke Werben und Goldbeck, auch Rübenbahn genannt, entlang. 1971 wurde sie nach 85 Jahren eingestellt. In Walsleben hatte sie eben dieses Nebengleis, auf dem Waggons mit Holz beladen wurden.

1972 wurde das Sägewerk ein Betriebsteil des VEB Holzindustrie „Altmark“ Tangerhütte, 1985 wechselte es zur ZBO. Seine Jahre waren aber bald gezählt: Die Abwicklung übernahm Reinhard Kersten. Das sei ein undankbarer Job gewesen, den Roesler, zugegeben, nicht machen wollte. „Ein Punkt war dafür entscheidend: Nachdem die Mauer weg war, kam ein Berufskollege und sah sich alles an. Dann sagte er zu mir: Wenn es ökonomisch werden soll, musst du eine Million investieren oder schließen. Oder du machst einen Zaun drum und ein Museum daraus. Da wusste ich, für mich ist da nichts mehr zu retten.“ Nach der Abwicklung ging das Sägewerk in die Treuhand über. Sie verkaufte das Herzstück des Werks, die zwei Gatter, in das osteuropäische Ausland. Alle metallischen Gegenstände, Maschinen und Anlagen wurden demontiert und verschrottet. Erneut musste, ja, wollte Roesler sich beruflich neu orientieren. Er wechselte in ein Bankhaus nach Stendal, in dem er bis heute beschäftigt ist.

Blickt er auf die Ruine, kommt Roesler nicht umhin zu sagen: „Das Sägewerk war mehr als ein Broterwerb: Ganze Familien haben über Generationen dort gearbeitet. So hat das Sägewerk das Leben vieler Walslebener geprägt.“

Späneturm brannte durch Kinderhand

Nach der Schließung verfiel der Standort. Der massive Späneturm wurde am 13. Mai 2006 Opfer eines Brandes, verursacht durch Kinderhand, und musste eingerissen werden.

Die einstige Schmiede, Materiallager, Tischlerei, daneben das Büro mit dem Essenraum – das alles ist nur noch zu erahnen. Friedhelm Roesler bedauert den Niedergang des Sägewerkes. „Ich denke, wenn wir in Gang gekommen wären, hätten in der Halle auch heute noch Holzfertigprodukte hergestellt werden können, zum Beispiel die gefragten Europaletten. Aber das ist nur eine kühne Mutmaßung.“