Seehausen l Bevor gestern die Regeln zum neuen Lockdown für die nächsten vier Wochen in Kraft traten, auf die sich die Bundeskanzlerin und die Länderchefs am Mittwoch geeinigt hatten, hatte Sven Laaß Freitag noch einmal die Türen seines Fitness-Studios an der Seehäuser Bahnstraße aufgeschlossen. Sonnabend war das nicht mehr möglich. Am 31. Oktober steht für Sachsen-Anhalt bekanntlich der Reformationstag im Kalender.

Freitag machte der 52-Jährige schon wieder einen gefassten Eindruck. Die Nachricht von der zweiten Schließung per Verordnung zwei Tage zuvor hatte ihn mitgenommen und die Emotionen hochkochen lassen. Schließlich hängen seine Existenz und das Wohl der Familie am „Fitness Gym Seehausen“. Und das seit immerhin 16 Jahren.

Den Erfolg hat er sich hart erkämpft. Er bekommt zwar Unterstützung von vier Mini-Jobbern. Einen Großteil der Arbeit stemmt er aber sozusagen als „Mädchen für alles“ in Personalunion. Unter anderem als Übungsleiter, Bedienung, Hausmeister, Monteur, aber auch als Psychologe, meint er augenzwinkernd mit Blick auf den außersportlichen Gesprächsbedarf seiner Kunden.

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„Wir sind schon eine kleine Familie“, meint er fragend in die Runde und bekommt vor allem Zustimmung von Damen im Ruhestandsalter, die bei Laaß etwas für ihre allgemeine Fitness tun. Vor allem vormittags geht es an der Bahnstraße fast ein bisschen wie bei der Volkssolidarität zu. Dass das Studio später natürlich auch eine „Mucki-Bude“ für jüngere Zeitgenossen ist, zeigen Bilder von erfolgreichen Modell-Athleten an den Wänden und Geräte mit Gewichten, wie man sie nicht auf der Küchenwaage findet.

Ein Teil der Technik ist neu, die Farbe an den Wänden noch frisch. „Wir haben den ersten Lockdown für ein paar Investitionen und Verschönerungsarbeiten genutzt“, macht Laaß deutlich, dass ihm im Frühjahr trotz Corona-Pandemie nicht die sprichwörtliche Decke auf den Kopf gefallen ist und er für die Zukunft plant. Wobei er nicht vergisst, dass ihm viele Kunden beziehungsweise Mitglieder die Treue halten und der Vermieter seiner Etage beim ersten Lockdown sehr entgegengekommen sei.

Laaß sauer auf Haseloff

Dass es dieses Mal bei den angekündigten vier Wochen bleibt, will er nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr nicht so recht glauben. Da waren es am Ende zehn Wochen, als er die Einrichtung Ende Mai wieder für den Publikumsverkehr unter den bekannten Auflagen öffnen durfte.

Letztere haben ihre Wirkung zusammen mit den ohnehin niedrigen Fallzahlen in und um Seehausen nicht verfehlt. Sven Laaß ist jedenfalls kein Corona-Fall aus dem Kreis seiner Kunden oder deren Umfeld bekannt. Weshalb er auch sauer auf die undifferenzierte Behandlung bei den Schließungen ist. Obwohl sich die in der Zahl ohnehin begrenzten Leute beim Training aus dem Weg gehen, jedes zweite Gerät nicht genutzt werden darf, Dokumentation und Desinfektion allgegenwärtig ist, muss er den Laden dichtmachen, während andere Dienstleister, die dichter am Kunden sind, weitermachen dürfen. Auf Home-Office oder Außer-Haus-Service kann er nicht ausweichen. Nachdem die Hilfen des ersten Lockdowns auf der Einkommensseite für den Lebensunterhalt nicht angekommen sind, hofft er jetzt auf die 75-prozentige Umsatzerstattung, die der Bund aber nur für den November in Aussicht gestellt und noch nicht in Paragrafen gegossen habe. Gleichwohl sei der Steuerberater beauftragt, früh die Weichen zu stellen.

Sein Anwalt ist übrigens auch aktiv. Der prüft rechtliche Schritte gegen die Schließung. Damit ist er nicht allein. In der ganzen Republik versuchen sich Fitness-Studios mit juristischen Mitteln gegen den Lockdown zur Wehr zu setzen.

Besonders enttäuscht ist Laaß in dem Zusammenhang von Reiner Haseloff, weil der entgegen früheren Versicherungen auf den Kurs der anderen Länderchefs und der Kanzlerin eingeschwenkt wäre.