Notbremse des Bundestags

Friseurin Ellen Martin aus Iden kritisiert „unlogische“ Corona-Testpflicht für Kunden

Weinen? Schreien? Oder ein Plakat raushängen? Die Idener Friseurin Ellen Martin entschied sich für Letzteres. Waren die Corona-Auflagen bislang zwar anstrengend, aber meist noch sinnvoll, verstehe die 58-Jährige seit der „Notbremse“ die Welt nicht mehr.

Von Karina Hoppe
Die Idener Friseurin Ellen Martin lässt ein Plakat aus ihrem Geschäft hängen. Sie hat nichts gegen Hygienemaßnahmen angesichts der Corona-Pandemie, aber die Testpflicht für Kunden hat absurde Auswüchse, die die Kunden nicht mehr mitmachen. Foto: Karina Hoppe

Iden. Gleich nach dem „Guten Tag“ und „Hallo“ kommt da dieser eine Satz: „Ich bin keine Coronaleugnerin, damit will ich nichts zu tun haben.“ Klare Worte von der Idener Friseurin Ellen Martin (58), und deutlich auch die Aussage, die draußen auf dem Stoffbanner vorm Fenster ihres Friseurgeschäftes steht: „Lasst uns arbeiten!! Wir machen schön, nicht krank.“

Seit Dienstag ist die Botschaft für jedermann lesbar. Ellen Martin hatte das Banner schon während des ersten Lockdowns beschrieben, es hing in der Garage. Jetzt aber musste es in die Welt, die Friseurmeisterin schnitt das „wieder“ heraus und befestigte es vor der Fassade des Wohnblocks. Ohne „wieder“, da sie ja seit dem 1. März „bereits“ wieder arbeitet. Und wie, die Kunden hätten sie fast umgerannt. „Ich stand 14 Stunden am Tag im Laden, ich war fix und fertig, aber ich hab’s gern gemacht.“ Und die Kunden hätten es auch mitgemacht, alles, was seit der Pandemie vorgeschrieben ist: Desinfektion, Lüften, Hände waschen, Dokumentation, keine Zeitschriften, kein Kaffee, kein Trockenschneiden, Warten vor der Tür, Haaretrocknen in der Küche des Ladens... „Das war alles noch irgendwie machbar. Aber jetzt ist ein Punkt überschritten.“

Handhabe zu Kunden-Testpflicht nirgendwo konkret

Seitdem die neue vom Bundestag beschlossene Notbremse gilt, besteht Testpflicht für Friseurkunden. Was das aber genau bedeutet, sei nicht geregelt. „Ich habe den ganzen Sonntag im Internet recherchiert.“ Der Bund sage es so, das Land so und die Handwerkskammer Magdeburg so. „Und niemand davon konkret.“ Auf der Internetseite der Handwerkskammer fand Ellen Martin einen Vordruck, der helfen sollte. Kunden versichern damit, dass sie gerade erst getestet wurden.

Das aber reicht nicht, wie Ellen Martin vom Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck und vorab schon von einem Osterburger Ordnungsamtsmitarbeiter erfahren habe: Die Friseure brauchen einen offiziellen Nachweis darüber – bei Schnelltest mit Gültigkeit von 24 Stunden – oder der Test wird direkt vom Laden vorgenommen. Ohne Diskussion. Aber wie soll das gehen? „Schicken Sie mal die 90-jährige Oma ohne Auto vorm Friseurtermin erstmal von Iden nach Osterburg und wieder zurück.“ Ja, sie kann auch einen Schnelltest für 5 Euro bei Ellen Martin kaufen, aber wegen der Räumlichkeiten müsste sie ihn streng genommen draußen vor der Tür abnehmen, „und pro Test mit Erklärung und allem Drum und Dran brauche ich eine halbe Stunde, die bezahlt mir niemand“.

Vormittags im Betrieb getestet, nachmittags beim Friseur nochmal

Das wäre auch noch im Ausnahmefall machbar, aber die Krone setze dem Ganzen auf, dass Kunden, die früh einen Selbsttest auf ihrer Arbeitsstelle gemacht haben, nachmittags bei mir schon wieder einen machen müssen. „Und das versteht keiner mehr.“ Die schriftliche Erklärung darüber, dass am selben Tag ein Test vorgenommen wurde, werde nicht anerkannt. „Aber als ,nur’ die Dokumentationspflicht galt, hätten die Kunden beim Namen auch Micky Maus schreiben, also lügen können. Wir sind doch keine Behörde, die das kontrollieren kann“, so Ellen Martin, die sich selbstverständlich mindestens zweimal die Woche testen lässt oder selbst testet. Und trotzdem mit der Notbremse den Bereich Kosmetik, Massage, Maniküre wieder schließen musste, ihre Mitarbeiterin muss zu Hause bleiben. „Ich meine, wenn wir getestet sind und die Kunden auch – mehr als negativ geht doch nicht. Warum dürfen wir dann keine Kosmetik anbieten?“ Einmal davon abgesehen, dass etwa Physiotherapien kaum Auflagen hätten. „Unsere Branche wurde während der Pandemie wirklich stark gebeutelt.“

Ordnungsamt soll Luft zum Atmen lassen

Die Friseure bräuchten viel Zeit, um nach einer Verordnung oder nun einem Gesetzeserlass erstmal zu schauen, wie sie alles umsetzen. „Da kann nicht nach Beschluss am Freitag am Montag schon das Ordnungsamt auf der Matte stehen. Bei mir war es nicht so, aber ich kenne Fälle. Bitte, bitte, liebes Ordnungsamt, gebt uns noch Luft zum Atmen.“

Ellen Martin arbeitet seit 35 Jahren in Iden, für gestern stand genau ein Kunde in ihrem Kalender. „Die Leute machen das nicht mehr mit.“ Die Idenerin sei kurz davor, den Laden zu schließen, „bis das alles vorbei ist“. Fürs Erste helfe ihr nun aber ihr Plakat, um wieder etwas klar zu bekommen. „Das musste jetzt mal raus.“