Seehausen/Losenrade l Vor gut drei Wochen tagte der Umweltausschuss des Kreistages in Seehausen, um sich der geplanten Starkstromleitung von Perleberg nach Wolmirstedt vor Ort zu widmen. Die Resonanz bei den Hansestädtern und Einwohnern des Umlandes war groß.

Ebenso am Mittwochabend, als noch einmal an die 30 Interessenten der Einladung von Stadt und Verbandsgemeinde Seehausen zu einer Informationsveranstaltung in die Alte Schule in Losenrade folgten. Und das, obwohl die Frist für private Einwendungen im Planfeststellungsverfahren am 4. Februar abgelaufen ist. Es ging vielmehr darum, Argumente für die Stellungnahme der Kommune zusammenzutragen, die bis Anfang März Zeit für ihren Part hat und die Starkstromleitung auch noch einmal im Stadtrat am 28. Februar auf die Agenda setzt.

"50hertz" bleibt fern

Der Netzbetreiber „50hertz“ hatte dieses Mal auf das Entsenden von Fachleuten verzichtet. Es gebe keinen neuen Erkenntnisstand. Man werde erst beim sogenannten Erörterungstermin wieder präsent sein, hieß es auf die Einladung. Und so trugen Walter Fiedler in Vertretung des erkrankten Bürgermeisters, Bauamtsleiter Guido Mertens und Stadträtin Susanne Bohlander mit Hilfe der Gäste Fakten zusammen, die den Planungsträger dazu bewegen könnten, dem Schutzbedürfnis der Anlieger mehr als bislang Rechnung zu tragen. Fachliche Unterstützung bekamen sie durch Anja Gödicke vom „Bürgerdialog Stromnetz“ aus Magdeburg, die unter anderem erklärte, wie der Trassenbedarf ermittelt wird, wie Strom fließt oder was die Vor- und Nachteile von ober- und unterirdischer Leitungen sind.

Wobei Fiedler betonte, dass es nicht um Maximalforderungen, sondern um Kompromisse gehe. Heißt, der Kelch wird an Seehausen sicher nicht vorbeigehen, aber es müsse möglich sein, die Trasse wenigstens teilweise unter die Erde zu bringen oder – wenn schon oberirdisch – wenigstens weiter weg von den Siedlungen zu bauen. Außerdem machte er darauf aufmerksam, dass sich viele Landwirte gegen eine Erdverlegung stemmen werden, weil sie Behinderungen und Ertrags- und Einkommenseinbußen befürchten.

In der Tat ist das so. Und so lange die Grunddienstbarkeit des Energielieferanten im Vergleich zu den Pachteinnahmen, die Landeigentümern durch Windräder winken, weniger als die sprichwörtlichen Peanuts sind, wird sich daran auch nichts ändern.

Ein großer Knackpunkt ist nach wie vor, dass es sich bei der Aufrüstung der 220-kV- auf eine 380-kV-Leitung auf der bestehenden Trasse um eine Ersatzinvestition handeln soll, bei der kein Raumordnungsverfahren nötig ist. Dann würde der Schutz von Anliegern, Flora und Fauna einen ganz anderen Stellenwert genießen. Doch die alte Leitung, so der Vize-Bürgermeister, wurde vor fast 70 Jahren errichtet. Damals sei man froh gewesen, überhaupt wieder Strom zu haben. Mit den heutigen Bedingungen lasse sich das auf keinen Fall vergleichen.

Bis 75 Meter hoch

Guido Mertens rief den Versammlungsteilnehmern unter anderem noch einmal die dominante Erscheinung der geplanten Masten in Erinnerung. Die werden mit bis zu 75 Meter zweieinhalb- bis dreimal so hoch sein wie derzeitigen Konstruktionen und die Türme von St. Petri damit deutlich überragen. Dazu bekommen die neuen Gittermasten bis zu vier Etagen und legen auch in der Breite erheblich zu. Und: Stellenweise werden bis zu drei Trassen parallel zueinander das Gebiet kreuzen.

Die Region wird nicht mehr dieselbe sein, prophezeite Josef Waldow mit Verweis auf die geplante Autobahn und die vielen Windkraftanlagen, die schon jetzt den altmärkischen Horizont kennzeichnen. Außerdem monierte er, dass er auch nicht einfach einen Bungalow abreißen, dafür ein Hochhaus errichten und sich dann auf Bestandsschutz berufen könne.

Stichhaltige Argumente gegen eine durchgängige Hoch-trasse zu finden, wird nicht so einfach sein, zumal die Planer von „50hertz“ der Überzeugung sind, alle baurechtlichen Vorgaben einzuhalten und gesundheitliche Risiken nach dem derzeitigen Stand der Dinge keine Rolle spielen sollen. Trotzdem will sich die Kommune auch auf die Gesetzgebung anderer Bundesländer berufen, wo die Abstände großzügiger geregelt sind als in Sachsen-Anhalt. Oder hinterfragen, warum Pilotprojekte zur Erdverkabelung anderen Orts möglich sind.

Feldstrahlung nicht erforscht

Und in dem Zusammenhang auf laufende Forschungen verweisen, wonach Feldstrahlungen zum Beispiel Demenz und Alzheimer oder Allergien und Herz-Kreislauferkrankungen begünstigen können, so Susanne Bohlander.

Vielleicht hilft noch eine juristische Spitzfindigkeit. So stellten Kritiker auf der Suche nach möglichen Trassenbündelungen fest, dass die ebenso neu geplante 110-kV-Leitung der DB AG nicht in den Unterlagen auftaucht, weil das Planfeststellungsverfahren nicht eröffnet sein soll. Bei Losenrade wird die Bahnleitung aber sehr wohl zusammen mit der 380-kV-Leitung geplant.

In jedem Fall werden sich Seehausen und Osterburg auf kräftigen Gegenwind einrichten müssen. Aus einem ganz einfachem Grund. Eine Erdverkabelung ist um ein mehrfaches teurer als die Überlandvariante. Das ist Antrieb genug, an Standpunkten festzuhalten.

Kommentar des Autors

Die Bundesregierung hat es verbockt, die Energiewende in geordnete Bahnen  zu lenken und ganz offensichtlich unterschätzt, dass da doch viel mehr daran hängt, als nur ein paar Atom- oder Kohlekraftwerke abzuschalten.

Statt früh – im Idealfall  vorher – an dezentralen Lösungen zu arbeiten, haben die Verantwortlichen in Deutschland einen wahren Wildwuchs an Windrädern, Biogas- und Solaranlagen oder Überlandleitungen zugelassen. Auch in der Altmark, die lange, aber offenbar vergeblich versucht hat, wenigstens mit ihrer Gegend zu punkten. Das sogenannte NOVA-Prinzip (Netzoptimierung vor Netzverstärkung und Netzausbau) verheißt auch in Zukunft für die „Grüne Wiese" nichts Gutes. Denn es heißt nichts anderes, als dass ein Haufen erst größer zu machen ist, bevor ein neuer angefangen wird

 Wenn die Altmark immer mehr zur Schmuddel­ecke der Nation wird, lenkt das vielleicht bald die Aufmerksamkeit der Planer für ein atomares  Endlager auf den „Luxus der Leere". Denn der Standort ist auch noch nicht gefunden.