Seehausen l Zu einer Lesung in die DRK Begegnungsstätte hatte „Seehausen links“ am Dienstagabend eingeladen. Die Resonanz war überwältigend. Darüber freute sich nicht nur der Organisator Bernd Kloss, sondern natürlich auch der Gast aus Magdeburg, Ellen Schernikau, die Mutter des 1991 verstorbenen Schriftstellers Ronald M. Schernikau.

Die intensiven Gespräche zwischen Mutter und Sohn brachten Bewegendes aus dem Leben der beiden zutage, das in dem einen vorgestellten Buch des Sohnes mit dem Titel „Irene Binz, Befragung“ vorgestellt wurde. Irene Binz ist das Pseudonym der Mutter, die in den 1930er Jahren in Magdeburg geboren wurde und dort auch aufwuchs. Sie lernte den Sozialismus mit seinen Stärken und Schwächen am eigenen Leibe kennen und trat als erwachsene Frau auch in die SED ein. Der Vater ihres Sohnes flüchtete über Nacht in den Westen. Vom Wunsch beseelt, ein intaktes Familienleben zu führen, wagte die junge Frau die Flucht in einem Diplomatenauto über die innerdeutsche Grenze.

Dabei betonte sie im Aufnahmelager in Gießen, dass sie kein politischer Flüchtling sei und dadurch Repressalien ausgesetzt wurde. Ein herber Schlag für sie war die Tatsache, dass der Vater ihres Sohnes inzwischen eine andere Frau geheiratet hatte. Sie baute sich mit ihrem Sohn eine neue Existenz auf, lebte dabei nicht schlecht. Aber immer mehr wuchs in ihr das Verlangen, wieder in ihrer ehemaligen Heimat zu leben.

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„Ich habe mir Mühe gegeben, Bundesbürgerin zu sein. Es ist mir nicht gelungen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich die Frau im Jahre 1989, noch vor der politischen Wende, nach 23 Jahren von Schülern und Lehrern einer gewerkschaftlichen Einrichtung in Hamburg. Ihr Ziel ist ihre Heimat, die DDR. Wenig später unternimmt auch ihr Sohn von Westberlin aus diesen Schritt. Fragen zu dieser Wanderin zwischen den beiden politischen Staaten waren im Anschluss an die interessante Veranstaltung nicht nur zugelassen, sondern ausdrücklich erwünscht.

Die nächste Veranstaltung von „seehausen links“ geht am Sonntag, 16. September, über die Bühne: Die Herbstwanderung führt die Teilnehmer entlang des Grünen Bandes zur Wirlspitze. Treffpunkt und Parkmöglichkeit ist um 10 Uhr an der L1 (Abzweig zur Wirlspitze bei Ziemendorf)