Krumke l Die Karten zur „Ultimativen Ossi-Lesung“ am vergangenen Sonnabend im Kavaliershaus Krumke waren schneller vergriffen als ... Als die DDR-Schaumgummitiere, auf denen man eine Viertelstunde herumkauen konnte, bis sie schließlich nachgaben und dann trotzdem nur widerwillig den Passierschein für die Speiseröhre lösten. „Oder die braunen Bierflaschen. In den grünen war ja nur Stendaler Flockenwirbel“, erinnert sich einer der rund 70 Gäste an diesem ersten richtig kalten, den sicht- und spürbar nahen Winter nicht mehr zu verleugnenden Abend. Nickt wissend, nimmt einen Schluck aus seinem „Findling“ – einem nach alten Handwerk gebrauten Bier aus einer kleinen Manufaktur in Klein Schwechten – und schaut respekt- wie genussvoll auf das schlichte Etikett.

Weit entfernt von Ostalgie

An der Theke herrscht Hochbetrieb. Vor, zwischen und bis weit nach der zweieinhalbstündigen schonungslos die Lachmuskeln strapazierenden, aber auch einer zum Nachdenken anregenden Reise in die Vergangenheit. Weitab von einer „ostalgischen“ Route oder „Vor-der-Wende-war-alles-besser“-Tour. Nein, das sei absolut nicht Anliegen ihres fein-herben und gleichzeitig einer lieblichen Note gewürzten Kuriositätenkabinetts, betonen die selbst ernannten Literatur-Aktivisten André Bohnwagner, Dominik Bartels und der Eichstedter Jörg Schwedler. Alle drei mit ostdeutschen Wurzeln und reichlich Erfahrung beim Älterwerden im Wilden Westen, vorrangig namens Hamburg ausgestattet. In der norddeutschen Metropole jedenfalls fanden die Enddreißer Alltagspoeten mit geballter Lesebühnenerfahrung 2013 zusammen und ziehen in dieser Formation seither quer durch die Republik. Zücken dabei ungeniert und vor allem unzensiert ihren auch in Richtung FFK-Romantik pendelnden Satire-Kompass, dem das an diesem Abend zumeist gleichaltrige Publikum nur allzu gerne folgt.

Hin zum verhassten Zwangsmittagsschlaf auf Holzklapppritschen im Kindergarten, der Frage nach dem pädagogischen Ansatz im Zusammenschustern von Römersandalen im Schulfach „Produktive Arbeit“ oder dem Kampf, als sozialistisches Gebüsch verkleidet mit gleichaltrigen Neuntklässlern aus allen möglichen Schulen der Umgebung zusammengepfercht im Wehrlager zu überleben. Andere Wortbomben besonders scharfen Kalibers ergießen sich in Episoden über das „Woodstock unserer Eltern“ mit einer Flasche Rosenthaler Kadarka zur Musik des bulgarischen Teufelsgeigers in lauen Sommernächten an der Ostsee, das „Abkindern“ des Ehekredits, „rechtsradikalen Pellköppen“ im Regenbogencamp Boltenhagen oder abenteuerlichen Urlaubsfahrten in der „sowjetischen Soljankaschüssel“ Saporosch.

Und zwischen den im Wechsel lebhaft und stilecht für einen Abend mit dem Namen „Ossi“ im Titel vor und hinter FDJ-Dekoration vorgetragenen Texten immer wieder Unterhaltungen. So, als sei kein Mikrofon vor ihnen und kein Spot auf sie gerichtet. Zu Dritt untereinander wie am Tresen in der Stammkneipe und in engem Kontakt mit dem Publikum.

Begrüßungsgeld verjubelt

Es wird über 80 Mark teure Deals mit Bravo-Postern gestaunt, den noch immer mit Originalbatterie ausgestatteten und funktionstüchtigen Schulrechner SR1 und auch nicht schlecht über das, wofür das Begrüßungsgeld ausgegeben wurde. Ein Batman-Skateboard beispielsweise oder eine New-Kids-on-the-Block-Platte. Den Reißer allerdings macht der 100 D-Mark Einsatz beim Hütchenspieler in Berlin.

Wirklich jeder Anwesende hatte solch eine DDR-Erinnerung parat und gab diese auch zum Besten. Bei erstmalig erreichter 100 Prozent Ossi-Quote im Saal sei das ja klar und die Autoren immer wieder auf der Suche nach Inspiration. „Immer her damit Leute“. Und Moment, so lasse sich auch die ungewöhnlich hohe 95 Prozent Pfeffi-Quote erklären – dem obligatorischen Begrüßungsgetränk für jeden Gast am Einlass. Und zum Abschied der Hinweis auf das Ende November 2016 im Blaulichtverlag erhältliche Buch „Die ultimative Ossi-Anthologie“ mit Texten von André Bohnwagner, Dominik Bartels Jörg Schwedler; aber auch der Preisträgerin des diesjährigen Jugendliteraturpreises, Kirsten Fuchs, und des amtierenden Deutschen Meisters im Poetry Slam, Volker Strübing.