Osterburg l Eigentlich ist am heutigen letzten Schultag alles wie immer. Zuerst die Ausgabe der Zeugnisse, dann verlaufen sich die Spuren der Schüler und Lehrer. Hinein in die Sommerferien. „Das bin ich ja so gewohnt“, sagt Eva Handtke (65) schmunzelnd. Ein paar Wochen später, wenn das neue Unterrichtsjahr vor der Tür steht, könnte es schon ein bisschen hippelig werden, ahnt sie voraus. „Aber darüber denke ich nicht nach. Das lasse ich spontan auf mich zukommen.“

Beim Beruf keinen Plan B in der Tasche

Wie damals vor 43 Jahren, als sie an ihrem ersten Tag in der damaligen Polytechnischen Oberschule Erxleben ziemlich aufgeregt vor einer Klasse stand. Zuvor hatte das waschechte Osterburger Urgestein in Potsdam ein Lehrerstudium absolviert. „Das war von kleinauf mein Berufswunsch“, sagt sie und erzählt, wie sie im Grundschulalter zu Hause auf einen Pflaumenbaum kletterte, „dort 32 Aufsätze schrieb und diese dann hinterher als Lehrerin korrigierte“. Am Traumberuf hielt sie über die Jahre hinweg fest, Alternativen kamen ihr gar nicht erst in die Tüte. „Sonst habe ich eigentlich immer einen Plan B in der Tasche. Hier nicht“, erzählte sie.

Nachdem sie in Potsdam die Fächerkombination Biologie/Chemie studiert hatte, führten sie günstige Umstände mit 22 Jahren zurück in die Heimat. Ehemann Ulf lebte und arbeitete in Osterburg, „für mich musste kein neuer Wohnraum her. Deshalb hat es dann auch mit einer Anstellung in Erxleben, und damit quasi vor der Haustür, geklappt.“ Im südlichen Nachbardorf der Biesestadt habe Marlies Ahrend als Mentorin ihre ersten Schritte begleitet. Dankbar erinnert sich Eva Handtke daran, wie ihr die Erxlebenerin mit einem „Kleene, das kriegen wir schon hin“ die Aufregung und Unsicherheit nahm, dass sie die zwei Jahre als Lehrerin und Hortnerin in dem Dorf in einer „sehr familiären und schönen Atmosphäre“ erleben konnte. Als sich 1978 aber eine freie Stelle an der Karl-Marx-Oberschule auftat, habe sie sich trotzdem bei der damaligen Abteilung Volksbildung im Rat des Kreises um einen Wechsel nach Osterburg bemüht. Warum? „Ich wollte voll und ausschließlich als Lehrerin arbeiten.“

Ihr Start im September 1978 an dem gerade einmal ein halbes Jahr zuvor eingeweihten Schulbau an der Ballerstedter Straße sei holprig verlaufen. „Im Vergleich zu Erxleben kam mir dort auf Anhieb alles viel politischer und strenger vor. Im Nachhinein würde ich sagen: Viel Wind, wenig Segel. Aber damals als ganz junge Lehrerin konnte ich das ja nicht ahnen.“ Gleich in der ersten Stunde in einer neunten Klasse wollte der Schuldirektor Adolf Palme ihr „politisches Gespräch“ mit den Schülern hospitieren. Das habe sich dann noch dazu sehr unglücklich entwickelt. Irgendwie sei man auf Ungarn, Ketchup und den Mangel an diesem gekommen, den ein Schüler schließlich so erklärte, „dass die Kommunisten eben zu blöd sind, den Ketchup zu produzieren“. Als sie später am gleichen Tag bei einem Kollegen ein paar Magneten für die Tafel ausleihen wollte und dabei auf die steife, distanzierte Reaktion „Das wünsche ich eigentlich nicht“ stieß, „war mir klar, dass ich nicht lange an dieser Schule bleibe“.

Es wurden 41 Jahre. Ihren Abschied von der Schule reizte die Lehrerin quasi bis auf den letzten Tag aus. „Mein Anstellungsverhältnis endet am 31. Juli mit 65 Jahren und sieben Monaten, ich werde also rausgeschmissen“, scherzte sie.

Arbeitete sie anfangs unter Direktor Adolf Palme, den sie als streng, aber stets korrekt in Erinnerung hat, „er verlangte von einem nur das, was er selbst geleistet hat“, empfand sie es nach der Wende als schön, „dass der Umgang zwischen Schülern und Lehrern lockerer wurde“. Die Schule hatte dennoch auch schwierige Zeiten durchzustehen, erinnert Eva Handtke an den am Veto des Kreistages gescheiterten Vorstoß von Schülern, Eltern und Lehrern, den Lernort zur Gemeinschaftsschule weiterzuentwickeln. Ebenso habe die Schule mit einer langen Vakanz an der Spitze leben müssen. Mittlerweile lenkt mit Doreen Melms eine ehemalige Schülerin der „KMO“ die Geschicke des jetzt gut aufgestellten Lernortes, ist Eva Handtke überzeugt. Seit der von 2011 bis 2013 verwirklichten millionenschweren Sanierung der Bildungsstätte gebe es dort für Schüler und Lehrer super Bedingungen, die jetzige Schulleitung würde eine tolle Arbeit machen. Zudem profitiere der Lernort von engagierten Lehrern und dem großen Einsatz der Schulsozialarbeiterin Karin Rühlmann.

Allerdings: „Ein paar mehr junge Lehrer“ würde sie sich für die Schule dann doch wünschen. Und, mal über den Osterburger Tellerrand hinaus betrachtet, dass die „Kleinstaaterei“ in der bundesdeutschen Bildungslandschaft doch irgendwann Geschichte ist. „Es gibt so viele unterschiedliche Schulformen, die sich noch dazu von Bundesland zu Bundesland unterscheiden“, beklagt die Lehrerin, die „einen roten Faden in der Schullandschaft vermisst. Es müsste einfach alles ein Stück weit vergleichbarer sein.“

Die Zeit wird ihr auch künftig nicht lang

Sie selbst lässt die Schule nun hinter sich. Mit dem schönen Gefühl, „dass die vielen Mädchen und Jungen, die ich ein Stück weit ins Leben begleiten konnte, alle irgendwo ihre Frau oder ihren Mann stehen“. Und mit der Gewissheit, „nicht so viel falsch gemacht zu haben, wenn man bei Wiedersehen mit Eltern oder früheren Schülern hört, dass die Zeit an unserer Schule doch eine schöne war“. Dass mitunter sogar Ehemalige bei ihr zu Hause klingeln, um mit der Lehrerin zu plauschen, freut sie. Und Begegnungen wie die, als sie mit ihrer in Münster lebenden Tochter Anja (42) mitten in Osterburg auf „eine Tochter, Mutter und Großmutter stieß, die ich alle drei unterrichtet habe“, lassen sie schmunzelnd daran denken, „wie sehr die Zeit vergangen ist“.

Stichwort Zeit. Die dürfte ihr auch künftig nicht lang werden. Dafür sind allein schon die beiden Enkel Theodor (8) und Frederik (9 Monate) aus der Familie von Sohn Michael (38) und Schwiegertochter Silke (36) zuständig, die Eva Handtke gern um sich hat. Und auch wenn sie sich noch gar nicht mit dem „Danach“ beschäftigt hat, kann sich die Osterburgerin spontan vorstellen, „irgendetwas im sozialen Bereich zu machen“. Vielleicht im Hospiz. „Das würde mich schon sehr interessieren.“