Groß Grabenstedt l „Wir waren gerade noch an einem ehemaligen Wachturm, der der Erinnerungkultur dient“, sagt Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne): „Aber jetzt müssen wir emotional umschalten.“ Denn wenig später ist die Landespolitikerin in Groß Grabenstedt zu Gast; oder vielmehr dort, wo der einstige 100-Einwohner-Ort einmal stand. Groß Grabenstedt, rund 20 Kilometer von Salzwedel entfernt, ist nämlich nur noch eine Wüstung.

Grünes Band

„Das ist mein Heimatort“, sagt Ute Juschus. Von 1945 bis 1979 lebte sie hier, hat ihre Kindheit und Jugend hier verbracht, eine Familie gegründet und ihre Kinder großgezogen. Heute steht an dem Feldsteinweg, der in den 1291 erstmals erwähnten Ort führte, eine von 50 Infotafeln des BUND am Grünen Band. Daneben ein gewichtiger Gedenkstein. Denn wo einst die innerdeutsche Grenze verlief und Existenzen zerstörte, befindet sich heute ein Naturmonument. Eisvögel, Fischotter, Bachforelle oder die kleine Bachmuschel haben sich dort angesiedelt, wo der Mensch fern bleibt.

Natur hat übernommen

Doch fern bleiben wollte Ute Juschus nie. Die anderen Groß Grabenstedter ebenso wenig. „Es war ein wunderbares Leben hier – mitten in der Natur“, sagt Juschus. Ein trauriger Unton schwingt mit. Der Friedhof ist verwuchert, die sechs Großbauernhöfe weg. Vier Seitenhöfe ebenso. Die Schule auch, so wie die Wassermühle und die alte Feldsteinkriche. Ute Juschus hat einen Ordner unter den Arm geklemmt und zeigt Dalbert, wie schön und pulsierend das Dorfleben in Groß Grabenstedt einst war. Heute erinnert nur noch ein Stallgebäude daran. Die Natur hat das Gebiet längst wieder übernommen.

Bilder

Ute Juschus schwelgt weiter in Erinnerungen. „Dort hinter der Kirche standen die vielen Obstbäume. Das war ein großer Spielplatz für uns. Und hier auf der Straße haben wir Treibball gespielt.“ Der Ort lässt sie nicht los. Kein Wunder, wurde sie doch in ihrem Elternhaus geboren und in der Kirche auf der anderen Straßenseite getauft.

Aktion Ungeziefer

1952 sollte sich das Leben der Groß Grabenstedter für immer verändern. Eine 500-Meter-Sperrzone wurde eingerichtet. Der Tante-Emma-Laden in Niedersachsen, nur wenige hundert Meter entfernt, war fortan unerreichbar. Mit der „Aktion Ungeziefer“ der ehemaligen DDR war das Schicksal endgültig besiegelt. „Drei Großbauern hatten eineinhalb Stunden Zeit ihre Sachen zu packen“, erinnert sich Juschus. Dann rollten die Lkw in den Ort. Mit Hab und Gut, alles was in den Koffer passte, verließen die ersten Groß Grabenstedter ihre Heimat für immer. Ein weiterer Bauer bekam es mit der Angst zu tun und nutzte die letzten Stunden zur Flucht. Die Äcker, Höfe und Tiere wurden der LPG übergeben. „Ich war Kind und wusste gar nicht was passierte“, erinnert sich Juschus weiter. Umweltministerin Claudia Dalbert hängt an ihren Lippen und hört gespannt zu.

Schlinge zog sich zu

1961 kam schließlich der Stracheldrahtzaun, erzählt Juschus: „Unser Raum wurde immer enger.“ Die Schule war längst geschlossen. Ute Juschus und die anderen Kinder mussten für den Unterricht nach Henningen. 1968 wurde dann ihr Sohn Olaf in Groß Grabenstedt geboren. Es sollte die letzte Geburt in dem Ort bleiben. Denn 1972 zog sich die Schlinge für die letzten Einwohner weiter zu. Hunde bewachten nun die Grenze und die ersten Häuser verfielen langsam. 1975 musste auch Ute Juschus mit ihrer Familie den Ort verlassen. Sie zog wenige Kilometer weiter nach Hennigen. Nur zwei alte Damen in kleinen Häusern blieben noch – eine war ihre Schwiegermutter – bis schließlich auch diese Häuser abgerissen wurden.

Ministerin Dalbert und Dieter Leupold vom BUND zeigten sich tief beeindruckt, wie viele andere, die den Weg mit Juschus abliefen und ihrer Geschichte lauschten. „Heute kommen nur noch Leute, um Bärlauch in der Natur zu pflücken“, sagt Juschus traurig.