Salzwedel l So einen Andrang hat Parkat Singh in seiner kleinen Pizzeria im Salzwedeler Bahnhof noch nicht erlebt: Am Freitagabend (18. Oktober), irgendwann nach 20 Uhr, war sein Laden plötzlich gerammelt voll. Hunderte Reisende standen auf einmal im Geschäft. Sie hatten Hunger, wollten Pizza und etwas zu trinken. „Wir haben einen Schock bekommen“, berichtet der Inder am Tag danach. Da ist es im Bahnhof wieder so ruhig wie üblich.

Was war passiert? Aufgrund einer witterungsbedingten Streckensperrung zwischen Uelzen und Hamburg musste die Deutsche Bahn am frühen Freitagabend mehrere ICE-Züge auf die Amerikalinie umleiten. Drei der Schnellzüge strandeten so am Salzwedeler Bahnhof, bestätigte eine Sprecherin der Bahn gegenüber der Volksstimme. Mehrere Stunden bewegte sich nichts mehr. Die Reisenden mussten sich auf dem Bahnsteig der Hansestadt die Zeit vertreiben.

Fahrgäste twittern

In den sozialen Netzwerken Twitter, Instagram und auch auf Facebook beschrieben die Gestrandeten ihre Situation. Nach dortigen Angaben befanden sich zeitweise etwa 2000 Bahnreisende auf dem Bahnsteig der Hansestadt.

„Kurzer Besuch im Bordrestaurant: Die Stimmung ist super. Das Team ist gut drauf. Getränke gibt‘s for free. Alkohol war zuerst leer“, schreibt Twitter-Nutzer Oskar Vitlif im Internet. Und die Wartenden nehmen ihre Situation nach anfänglichem Ärger sogar relativ gelassen. So zeigt ein Video von Twitter-Nutzer Frank Brühning, dass die Menschen sogar zusammen singen. „Cordula Grün“ oder Robbie Williams „Angels“ schallen über den Bahnsteig.

Doch es gibt natürlich auch kritische Töne, vor allem gegenüber dem Krisenmanagement der Deutschen Bahn. So schreibt Carla Grape ebenfalls bei Twitter: „Habt ihr kein Krisenmanagement? Wie bekommt ihr die Leute aus zwei ausgebuchten ICEs, in Salzwedel gestrandet, nach Hamburg? Organisiert ihr was? Die Zugbegleiter sind völlig rat- und ahnungslos. Übernachten wir hier? Es gibt keine Getränke mehr.“ Tatsächlich schreiben weitere Passagiere später, dass sie in Salzwedel in ein Hotel einchecken. Andere organisieren sich neue Möglichkeiten für die Weiterfahrt.

SPD-Politikerin unter den Wartenden

Auch eine prominentere Bahnfahrerin landete unfreiwillig auf dem kleinen Bahnhof in der Altmark. So twittert die SPD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Staatsministerin Aydan Özoğuz hilfesuchend: „Wer kennt sich in Salzwedel aus? Bekommt man hier einen Mietwagen?“ Die Frage bleibt im Internet unbeantwortet.

Nach Angaben einer Bahnsprecherin standen die drei Züge genau zwischen 19.24 Uhr und 22.07 Uhr in Salzwedel. Nach Informationen der Volksstimme mussten weitere Schnellzüge im niedersächsischen Schnega und in Wieren an den Kleinbahnhöfen warten. Zur Anzahl der gestrandeten Reisenden will die Bahnsprecherin keine Angaben machen. Dazu wolle sie nicht spekulieren, hieß es.

Durchatmen

Nach 22 Uhr wird es am Salzwedeler Bahnhof also wieder ruhiger, die Züge können auf ihre eigentliche Strecke zurückkehren. So soll der Zugchef dann auch in der Pizzeria angerufen haben, um die Reisenden über die Weiterfahrt zu informieren, schreibt Oskar Vitlif via Twitter.

Auch Parkat Singh kann dann wieder durchatmen. „Wir sind ein kleines Geschäft. Nur drei Mitarbeiter“, berichtet der Mann aus der Pizzeria. „Wir haben nicht so viel geschafft“, meint Singh und erzählt, dass er und seine Kollegen nach und nach die Kunden bedient hätten. Seine Stammkunden mussten unterdessen warten, nicht jede Lieferung sei pünktlich rausgegangen. „Wir haben einfach nur unsere Arbeit gemacht.“