Salzwedel l „Mein Laden ist mein Leben“: Das hat Helga Weyhe einst in einem Gespräch mit der Volksstimme gesagt. Und das haben ihre Kunden auch gespürt. Der Besuch in ihrem Buchladen war für viele Menschen, nicht nur aus der Region, Kult und wie ein Sprung in eine andere Zeit. Denn hier war vieles noch erhalten, wie es ihr Großvater Heinrich bereits 1880 eingerichtet hatte: Seitdem war das Haus an der Altperverstraße ein Anlaufpunkt für Leseratten, Geschichtsinteressenten und all jene, die ohne die Sprüche in ihren Schaufenstern zu lesen, nicht durch die Altperverstraße kamen. Und so ist es wenig verwunderlich, dass Der Spiegel, TV-Sender wie Arte oder andere überregionale Medien sich vor dem alten Fachwerkhaus in aller Unregelmäßigkeit die Klinke in die Hand gaben.

Die Salzwedelerin, geboren am 11. Dezember 1922 genau über dem Geschäft, arbeitete seit 1945 mit und übernahm die Buchhandlung im Jahr 1957 von ihrem Vater Walter. Sie empfing jeden immer mit einem freundlichen Wort auf den Lippen. Ob Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten oder Kinder, die ihre Schulbücher über Generationen bei ihr abholten. Die Frau in der Strickjacke gab Hilfestellung, wenn ein besonderes Exemplar gesucht wurde, hatte jede Menge Empfehlungen parat, wenn ein Geschenk ausgewählt werden sollte. Auch im hohen Alter stieg Helga Weyhe für ihre Kunden die Leiter an den großen hölzernen Buchregalen empor und in eines ihrer Schaufenster, um die gewünschten Druckwerke herauszuholen.

Aus Dionysius- wurde wieder Nysmarkt

Dann waren da noch die kleinen und großen Gespräche über Gott und die Welt mit der gebildeten Frau, die 1941 in Salzwedel ihr Abitur im Lyzeum, der Mädchenschule, abgelegt hatte. Ob am Tresen oder in ihrem urigen Büro, welches wie der Rest des Ladens aus der Zeit gefallen schien: Helga Weyhes Augen blitzten, wenn sie über ihre Lebenserfahrungen erzählte. Und sie war es, die in der Werbegemeinschaft im Jahr 2012 anregte, dass der Dionysiusmarkt wieder seinen historischen Namen Nysmarkt zurückerhalten sollte – wie die Vorfahren das Volksfest Anfang Oktober immer genannt hatten.

In DDR-Zeiten setzte die privat geführte Buchhandlung besonders auf Fachliteratur. Diese war über die Grenzen hinweg gefragt, denn bei der Anatomie beispielsweise gebe es keine Unterschiede, brachte es Helga Weyhe einst passend auf den Punkt. Eigentlich hätte sie sich mit der Wende zur Ruhe setzen können – hätte. Doch die neue Zeit war eine neue Herausforderung, der sich die Salzwedelerin gern stellen wollte. Denn nun war vieles möglich.

Umfangreiches Geschichtswissen

Die Gespräche mit ihren Kunden waren ihr wichtig, sehr wichtig. Wenn diese nicht nur nach Lektüre fragten, sondern auch nach der Geschichte ihrer Heimatstadt, dann konnte ein Besuch der Buchhandlung schon mal etwas länger dauern. Helga Weyhes Wissen um die Historie schien unbegrenzt. Dieses Engagement für die Stadt war es, das den Stadtrat bewog, Helga Weyhe zur Ehrenbürgerin zu ernennen. Am 11. Dezember 2012, ihrem 90. Geburtstag, durfte sie sich in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Ein Ginkgobaum, gepflanzt am 17. Oktober 2013 an der Mönchskirche und mit einer Erinnerungstafel versehen, erinnert daran.

Auch der 31. August 2017 war für die Salzwedelerin ein denkwürdiger Tag: In Hannover wurde sie mit dem erstmals vergebenen Ehrenpreis des Deutschen Buchhandels bedacht – eine besondere Ehre für Deutschlands älteste Buchhändlerin, die die Auszeichnung unaufgeregt entgegennahm. Und fest steht auch und wurde und wird von ihren Lebensbegleitern immer wieder betont: Helga Weyhe war eigen, klug und an so ziemlich allem interessiert.

Der Lebensweg der Ehrenbürgerin vollendete sich am 4. Januar in ihrer Wohnung über dem Buchladen – dort, wo sie geboren wurde. Mit ihr geht auch ein Teil der Salzwedeler Geschichte und eine große Persönlichkeit.