Salzwedel l „Morgens stehen die Eltern mit ihren Autos manchmal in zweiter Reihe“, sagt Angela Ritter-Hundt, Leiterin der Perver-Grundschule. Dort werden von 44 Kindern aus der 4. Klasse 22 mit dem Auto zur Schule gebracht, berichtet sie. Damit kommt gut die Hälfte des Jahrganges zu Fuß oder mit dem eigenen Fahrrad zur Schule. Unlängst berichtete der Vizevorsitzende der Landesverkehrswacht, Friedhard Weber, dass weniger Kinder in Sachsen-Anhalt die Fahrradprüfung bestehen.

„Das ist bei uns auf dem Land aber immer noch nicht so drastisch wie in den Großstädten“, sagt Wolfgang Pietsch von der Verkehrswacht in Salzwedel. „Allerdings sehen wir im Vergleich zu früheren Jahrgängen schon Unterschiede in der Feinmotorik der Kinder“, beschreibt Pietsch seine Beobachtungen bei den Fahrradprüfungen in der Region. An der evangelischen Grundschule Praetorius hat Leiterin Christine Börner ähnliches beobachtet: „Es ist zu merken, dass mehr Kinder als noch vor einigen Jahren Unsicherheiten beim Fahrradfahren zeigen.“ Dort werden rund 60 von 80 Kindern mit dem Auto zur Schule gebracht.

Rat: Eltern sollen mit Kindern üben

Dennoch fallen in der Kernstadt Salzwedel nur wenige Viertklässler bei den Fahrradprüfungen an den Grundschulen durch. „Sie bekommen in so einem Fall ja auch die Chance, die Prüfung zu wiederholen. Und dann klappt es auch meistens“, sagt Wolfgang Pietsch.

An der Lessing-Grundschule gibt es vereinzelt Kinder, die die Prüfung im ersten Anlauf nicht schaffen. Das sei meist eine Folge, wenn die Mädchen und Jungen nicht im Vorfeld genug mit den Eltern für die Prüfung üben, meint Kathi Simmat, zuständige Lehrerin für die Verkehrserziehung. Bei Flüchtlingskindern komme dann auch noch die materielle Ausstattung und die Sprachbarriere erschwerend hinzu. Gut 90 der 260 Lessing-Grundschüler werden mit dem Auto zum Unterricht gebracht.

Wolfgang Pietsch bedauert, dass immer weniger Eltern ihre Kinder allein mit dem Fahrrad losschicken. „Manche würden ihre Kinder am liebsten mit dem Auto ins Klassenzimmer fahren“, moniert der Mann von der Verkehrswacht. Angela Ritter-Hundt von der Perver-Grundschule bittet die Eltern vehement darum, nicht direkt vor dem Schuleingang zu parken. „Da wird die Situation schon mal unübersichtlich“, sagt die Schulleiterin.

Konfliktpunkt: Einbiegen und kreuzen

Falko Pabst, Leiter der Jenny Marx-Grundschule, bemängelt, dass es vor der Bildungseinrichtung am Südbockhorn zu wenig Parkplätze gebe. „Aber damit müssen wir leben“, so Pabst. An seiner Grundschule sei bisher noch kein Kind bei einer Fahrradprüfung durchgefallen. Pabst sieht „hier auf dem Land“ keine größeren Probleme.

„Der Blick wird geschärft“, sagt Wolfgang Pietsch und meint damit, dass Kinder die frühzeitig mit dem Fahrrad zur Schule fahren, im Straßenverkehr später viel sicherer unterwegs sind. Und er gibt dazu einen wichtigen Hinweis: „Ein Elternteil darf das Kind auf dem Gehweg mit dem Fahrrad begleiten. Das ist nicht verboten, wie viele denken.“

Sieben Kinder leicht verletzt

Diese frühzeitige Übung sieht auch Polizeisprecher Frank Semisch als immens wichtig an. Die Salzwedeler Polizei zählte in der Kernstadt 2017 insgesamt 54 Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern, darunter gab es sechs Ereignisse mit Schwerverletzten. Bei neun Unfällen waren Kinder zwischen 0 und 13 Jahren unter den Betroffenen. Sieben Mal wurden diese dabei leicht verletzt.

Häufigster Konfliktpunkt, so nennt es die Polizei: „Einbiegen und kreuzen“. Also genau an den Stellen im Verkehr, an denen besondere Aufmerksamkeit gefragt ist, kommt es oft zum Zusammenstoß. Auf Rang zwei der Unfallursachen rangieren Vorfälle mit Lkw und Lieferwagen. „Hier ist es wichtig, dass Kindern das Phänomen ‚Toter Winkel‘ unbedingt näher gebracht wird“, betont Frank Semisch.

Eine Verbesserung hat Pietsch im Gegensatz zu früheren Jahrgängen aber auch festgestellt. Kleinkinder die ein Laufrad nutzen, steigen nach seinen Erfahrungen viel leichter auf das Fahrrad um. „Sie beherrschen schnell das Gleichgewicht“, berichtet er und ergänzt: „Das Laufrad ist eine segensreiche Erfindung.