Salzwedel l Diese mittelalterliche Toranlage muss eine gewaltige Befestigung gewesen sein. Gut 150 Meter lang ist die Entfernung vom Karlsturm bis zum Jeetze-Umfluter am Chüdenwall. Dort stand bis ins 19. Jahrhundert ein sogenannter Zwinger, der im Spätmittelalter die Salzwedeler Altstadt vor Feinden schützen sollte. Doch nur wenige Gemälde oder andere Bildnisse aus dieser Zeit sind erhalten oder sie sind zu ungenau, um sichere Rückschlüsse auf die Art der Befestigungsanlage des Altpervertores zu ziehen. Doch eine Entdeckung während der Bauarbeiten an der Kreuzung Altperverstraße/Chüdenwall bringt nun vielleicht etwas Licht ins dunkle Mittelalter.

Angespitzte Eichenstämme

Prähistoriker Uwe Fiedler (61), der die laufenden Bauarbeiten dort und am Südbockhorn für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt begleitet (Volksstimme berichtete), staunte Ende der vergangenen Woche nicht schlecht. Bei Ausschachtungen nahe der Brücke über den Jeetze-Umfluter stießen die Bauarbeiter nach seinen Angaben auf „mächtige Fundamente“. Bis zu 3,80 Meter lang waren die angespitzten Eichenstämme, die die Arbeiter aus mehreren Metern Tiefe hervorholten. Und ein komplettes Teil von Fundament und Mauer des mutmaßlichen Zwingers waren im morastigen Boden gut erhalten geblieben.

Geerdet auf den genannten Eichenpfählen, darüber ganze Stämme noch mit Rinde. Darauf lagen schwere Findlinge und Feldsteine. Dann folgte das Mauerwerk aus einem Feld- und Backsteingemisch. Uwe Fiedler vermutet nun, dass die Funde zu einem Vortor des Altpervertores innerhalb des Zwingers gehören. Dafür spricht unter anderem die Größe der Eichenpfähle. „Die können sie nochmal 200 Jahre benutzen“, sagten die Bauarbeiter zum Prähistoriker.

Bilder

Zwinger zur Verteidigung

Und die Vermutung des Archäologen wird durch historische Quellen untermauert. So schrieb Franz Hartleb, damaliger Stadtbaurat, 1929 in einer Heimatbeilage des Salzwedeler Wochenblatts: „Der zwischen beiden Toren (Vortor am Karlsturm und Altpervertor am Jeetze-Umfluter, Anmerkung d. Red.) entstehende Zwinger erscheint mir aber zu lang, als dass er ohne eine weitere Sicherung bleiben konnte. Ich möchte daher annehmen, dass er in gleicher Weise wie das Bockhorner Tor noch einmal durch ein Vortor geteilt und abgeriegelt war (...).“ Hartleb bezeichnete die Toranlage als „außergewöhnlich“. Er ging davon aus, dass der Zwinger zur Verteidigung mit einem Wehrgang und Zinnen ausgestattet war. Wann dieser entstand, ist nicht genau überliefert. Der Karlsturm soll nach Hartleb um 1450 gebaut worden sein, Johann Friedrich Danneil ging von einer Bauzeit zwischen 1373 und 1378 aus.

Ob die neuen Funde aus dieser Zeit stammen, müssen nun dendrochronologische Untersuchungen der Eichenpfähle in Berlin bestätigen. Unterdessen geht die Arbeit von Uwe Fiedler rund um die Baustellen im Stadtgebiet weiter.