Reddigau l Siegmar Wilde ist Schäfer mit Herz und Seele. Seit mindestens 20 Jahren hält er die Tiere als Hobby. Doch jetzt ist damit endgültig Schluss, sagt er mit ernster Stimme. Schuld daran ist der Wolf.

„Am Mittwoch kurz nach 6.30 Uhr klingelte es an unserer Haustür. Ein Bekannter sagte mir, dass mit unseren Schafen was nicht stimme“, erinnert sich der Reddigauer. Er weckte seine Lebensgefährtin. Gemeinsam schauten sie zur Wiese nur etwa 150 Meter vom Haus entfernt. „Der Zaun stand noch. Aber die Schafe waren sowohl innerhalb als auch außerhalb der Umgrenzung“, schildert er. Einige hätten gefehlt. „Meine Partnerin fragte nach der Zahl der Lämmer“, berichtet Siegmar Wilde. Von zehn erst vor wenigen Tagen geborenen seien nur noch sechs da gewesen. Von den anderen habe jede Spur gefehlt.

Beim Zaun habe er nicht gespart. 9000 Volt hätten angelegen. „Ein Hund wäre durchgegangen, hätte Schaden angerichtet. Der Wolf hat es gelernt, wie er darüber oder drunter durchkommt“, schildert er seine Erfahrungen.

Erst keine Reste gefunden

Der Reddigauer verständigt Forstamtmann Peter Oestreich, Sachbearbeiter Nutztierrissbegutachtung des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Mit diesem hat er seit dem 16. Dezember 2019 Kontakt: dem Tag, als Wölfe 17 seiner Schafe, die zum Großteil tragend waren, zwischen Schadeberg und Dülseberg gerissen hatten. „Wir haben gemeinsam nach Spuren gesucht, aber keine gefunden, leider auch nicht die Reste der Lämmer“, erinnert sich Siegmar Wilde.

Später habe seine Partnerin etwa 50 Meter vom Zaun entfernt Krähen bemerkt. Dort habe die Decke eines Lammes gelegen, an dem sich nur noch wenige Knochen befunden hätten. „Das Übrige hat der Wolf gefressen“, ist sich der Schäfer sicher. Ein Foto des Fundes habe er an den Forstobmann geschickt.

Als der Reddigauer näher hinschaut, begreift er, dass es dieses Lamm ist, das er in den ersten Tagen seines Lebens besonders umsorgt hat. „Es hatte eine Augenerkrankung. Wir haben jeden Tag getropft. Am Dienstag haben wir uns gefreut, dass alles gut abgeheilt war“, erzählt Siegmar Wilde traurig: „Und am nächsten Tag kam der Wolf.“

Gefahr einer Euterentzündung droht

Isegrim hat dem Schäfer bereits kurz vor Weihnachten 2019 zugesetzt. Am 16. Dezember hetzten wohl mehrere Wölfe seine Schwarzkopfschafe solange, bis diese durch den Elektrozaun brachen. Im Freien waren sie eine leichte Beute für die hungrige Meute. 17 Schafe, zum Großteil tragend, starben auf der Wiese. Eines musste eingeschläfert werden, ein weiteres verendete wenige Tage später. Zwei sind verschwunden. Geblieben sind dem Reddigauer zwölf Tiere. „Ich war froh, dass die Wunden bei den Alten soweit abgeheilt sind. Aber beim Lammen habe ich bemerkt, dass meinen Schafen das Erlebnis vom Dezember immer noch zusetzt. Solche großen Probleme hatte ich noch nie“, erzählt er. Auf die zehn Lämmchen, die trotz aller Widrigkeiten den Weg ins Leben gefunden hatten, sei er stolz gewesen. Und jetzt das. „Die Muttertiere plärren, suchen ihren Nachwuchs. Jetzt besteht auch die Gefahr von Euterentzündungen, weil sie nicht mehr gesäugt werden“, sagt der Schäfer.

Er sei ganz sicher, dass Wölfe in der Region leben. Erst ein paar Tage zuvor sei ein Tier bei Dülseberg um 8.30 Uhr vor ihm über die Straße gelaufen. „Es ist stehengeblieben und hatte auch keine Scheu, als ich gehupt habe“, beschreibt Siegmar Wilde.

Entschädigung noch nicht ausgezahlt

Eigentlich hatte der Schäfer mit dem Gedanken gespielt, sich einen Herdenschutzhund anzuschaffen. Aber zwei Jahre füttern und ausbilden auf eigene Kosten, bis die entsprechende Prüfung abgelegt werden könne, das könne und wolle er nicht mehr. „Wie viele Schafe wird der Wolf bis dahin noch reißen?“, denkt er laut nach.

Die Entschädigung, die ihm für den nachgewiesenen Wolfsriss im Dezember zustehe, sei beantragt, aber nicht gezahlt, merkt Siegmar Wilde an. Wie lange er warten muss, weiß er nicht. Die restlichen Schafe will der Reddigauer jetzt abgeben. „Ich kann einfach nicht mehr“, gesteht er. Der Hobby-Schäfer fordert von den Politikern ein Umdenken in Sachen Wölfe. „Hoffentlich werden sie nicht erst wach, wenn ein Kind zu Schaden kommt“, fügt er nachdenklich hinzu.