Salzwedel l „Kaffee?“, fragt Peter Fernitz. Er selbst hat schon einige weg. Ohne geht es für den groß gewachsenen Wahl-Salzwedeler nicht. Das galt über viele Jahre auch für die CDU. Genau genommen für den Vorsitz in der Salzwedeler Stadtratsfraktion der Christdemokraten und auf Kreisebene. „Aber nur der Altmarkkreis“, betont er mit gehobenen Zeigefinger, „da lege ich Wert drauf“. Im Landkreis Stendal, dort sei das nämlich eine andere Sache. „Hier, bei uns“, sagt er mit Bass-Stimme, „hier geht es harmonisch zu.“

Seit 1993 lebt Peter Fernitz mit seiner Frau im Salzwedeler Ortsteil Sienau. „Das war ein Kompromiss.“ Denn er arbeitete seinerzeit noch in Lüneburg, seine Frau hingegen in Stendal. Salzwedel sei quasi die Mitte. Aus einem Kompromiss wurde schließlich Heimat. Und die CDU war und ist für Peter Fernitz gleichwohl die Mitte. Seit 1983 hält er ihr die Treue.

„Zunächst habe ich mich politisch nicht engagiert“, beginnt er zu erzählen und nippt am Kaffee. „Jammert mir nichts vor, ich habe CDU gewählt“, steht auf seiner Tasse. Kommunalpolitisch aktiv sei er dann unter Alt-Bürgermeister Siegfried Schneider und Ex-Landrat Egon Sommerfeld in den 1990er Jahren geworden. Dem vorangegangen sei ein privater Austausch mit beiden gewesen. „Dann bin ich zum Stadtverband Salzwedel gestoßen“, erinnert er sich zurück, „dort bin ich relativ schnell stellvertretender Vorsitzender geworden.“ Nachdem es Jürgen Stadelmann in die Landespolitik zog, habe er mit den anderen Christdemokraten „den Stadtverband umstrukturiert.“ Fortan hatte Peter Fernitz bei der CDU in der Baumkuchenstadt den Hut auf – bis heute. Seit 2013 ist er zudem Vorsitzender im Altmarkkreis. Ein Kommunalpolitiker durch und durch.

Zeit für Familie

Hinter dem Kommunalpolitker Fernitz steckt auch der Ehemann, Vater und Großvater Peter. Und genau dieser Umstand steht im Zusammenhang mit seiner Entscheidung, seine Zeit künftig mit der Familie zu verbringen. „Ich habe vier Kinder und sechs Enkelkinder – auf die gemeinsame Zeit freue ich mich“, sagt er. Und natürlich auf die mit seiner Frau. Davon gab es in den letzten Jahren nicht so viel. Bereits fünf Uhr klingelte im Hause Fernitz der Wecker. „Sechs Uhr fährt meine Frau immer mit dem Zug zur Arbeit.“ Sie ist Ordnungsamtsleiterin in Stendal. „Halb sieben ist sie wieder zuhause.“ Also dann, wenn der Christdemokrat zumeist in Ausschüssen, im Stadtrat oder anderen kommunalpolitischen Veranstaltungen eingebunden ist. „Da bleibt nicht viel Zeit für Privates.“ Und genau das soll sich nun ändern. Denn: „Meine Frau geht im April in Rente.“

„Erstmal eine rauchen?“, fragt er und geht auf den Hof der CDU-Geschäftsstelle. Dort steht einer seiner engsten Vertrauten: Ein rostiger Blecheimer. „Schauen Sie rein“, sagt er: „Jetzt wissen Sie, wie viel Zeit ich hier verbringe.“ Der Eimer ist mehr als die Hälfte mit Kippenstummeln gefüllt.

Während der 67-Jährige am Glimmstengel zieht, kommt er ins Grübeln. „Ich habe in meiner Zeit drei Bürgermeister in Salzwedel gehabt.“ Siegfried Schneider, Sabine Danicke und aktuell Sabine Blümel. „Die eine konnte gut mit Menschen, aber nicht mit Zahlen. Die andere kann mit Zahlen, aber nicht mit Menschen“, sagt er. Was soll’s, nachtreten wolle er nicht. Auch nicht bei jenen, die für ihn eine der größten politischen Enttäuschungen in seiner Zeit herbeigeführt hätten. „Als sich die Parteilosen und die FDP von der Fraktion trennten, da war ich menschlich enttäuscht.“ Gerade von jenen, die die CDU aufgenommen habe. „Das hat mich eine Weile belastet.“ Denn damit passierte das, was Fernitz nie wollte: Die Harmonie bröckelte kurzzeitig. „Ob Stadtratsfraktion oder Kreisverband: „Ich war immer dafür da, die Leute zusammenzuhalten.“ Heute sei alles wieder in Ordnung. Auch und gerade ein Verdienst des Wahl-Salzwedelers. Zu seinen Verdiensten gehört auch, dass das Seniorenheim Vita nicht verkauft wurde, wie er betont.

Nicht alles war gut

Trotzdem: gut sei nicht alles gewesen. „Zum Beispiel die Umgehungsstraße, die keine ist und wodurch wir Stadtteile abgeschnitten haben.“ Das wurmt ihn bis heute. „Das war ein großer Fehler, der die Wirtschaft stark beeinflusste.“ Überhaupt sei er mit der Infrastruktur nicht zufrieden. „Ich habe damals den wechselseitigen dreispurigen Ausbau der B 71 gefordert – wie bei Gardelegen. Auch die A 14 ist bis heute nicht da“, ärgert er sich. Nein, Peter Fernitz ist nicht mit allem zufrieden und er sieht mit dem Fachkräfemangel, fehlenden Ärzten und Lehren sowie dem Breitbandausbau große Herausforderungen, die es „in einer altersunabhänigigen Diskussionskultur“ anzugehen gilt, gibt er seinen Noch-Stadtratskollegen mit auf den Weg. Denn diese Probleme müssen ohne ihn angegangen werden. „Ich werde mein Stadtratsmandat zum 30. Juni zurückgeben.“ Von da an ist er „nur“ noch CDU-Mitglied.

Peter Fernitz, der bekennende Hanseat, geht langsam von Bord, um ein ganz anderes zu betreten. „Wir haben uns ein Boot gekauft“, verrät er. Das liegt bei Kroatien vor Anker. „Damit möchte ich mit meiner Frau unserem Hobby nachgehen“– der Seefahrt. Die beiden wollen aber nicht nur ein bis zwei Wochenenden vor der Küste Kroatiens schippern. „Wir wollen ein viertel Jahr weg.“ Keine Termine, keine Verpflichtungen.

Er nippt nochmal am Kaffee und blickt an die Wand. Über ihm hängt ein Bild von Altkanzler Adenauer. „Hach ja“, seufzt er: „Nun ist die Zeit gekommen, dass auch ich mich mit einem lächelnden und tränenden Auge langsam verabschiede“.