Rohrberg/Hamburg l „Wir haben schon immer viel Sport gemacht“, erzählt Petra Thiele (52). „Und wir sind schon mal sechs Tage gepilgert, pro Tag zwischen 35 und 40 Kilometer gelaufen“, ergänzt Katrin Jordan (53). Für die beiden der richtige Ausgleich zum Job im Büro. Durch ihren Sohn hatte die Frau aus Jübar im Vorjahr erstmals vom Megamarsch gehört. 100 Kilometer in 24 Stunden gehen – für die Freundinnen eine Herausforderung. „Doch da waren alle Startplätze schon weg“, erinnert sich Petra Thiele. Also in diesem Jahr ein neuer Versuch. „Als wir uns Anfang Januar angemeldet haben, war die erste Startgruppe von 1500 Teilnehmern auch schon ausgebucht. Wir sind in die 14-Uhr-Gruppe gerutscht“, sagt sie.

So richtig vorbereiten könne man sich auf solch einen Marsch nicht, schildert die 52-Jährige und fügt hinzu: „Durch das viele Sportmachen haben wir aber etwas Kondition.“ „Unser Ziel war es, die 100 Kilometer zu schaffen. Aber ganz ehrlich, so richtig haben wir nicht damit gerechnet, dass es klappt“, sagt die Rohrbergerin.

Das Wetter spielte mit

Erwartungsvoll geht es nach Hamburg. In atmungsaktive Sportsachen und Laufschuhe gestiegen, den Rucksack mit Getränken auf dem Rücken. „Ein Riesenschwall setzt sich in Bewegung, wenn ein Teil der 1500-Leute-Gruppe startet“, beschreibt Petra Thiele und meint, dass die ersten 20 Kilometer kein Problem gewesen seien. Das Wetter sei super gewesen. „In der Sonne war es fast zu warm“, fügt sie hinzu. Bei Kilometer 40 seien viele ausgestiegen, bei Kilometer 60 weitere. „Da lagen die Nerven schon blank. Das habe ich so noch nicht erlebt“, sagt Katrin Jordan. Am Tag zu wandern sei kein Problem. Da habe man die Gegend gesehen. Nachts sei das Motivieren schwerer gefallen. „Wir waren müde, kaputt. Keiner hat geredet. Die Nacht war echt der Horror“, erzählt die Frau aus Jübar. Die eigenen Stirnlampen hätten den Weg erhellt. Ihre Freundin ergänzt, dass endlos lange Strecken am Deich und durch den Wald geführt hätten, aber auch durch Kleingartenanlagen und die Stadt. Auf Asphalt zu laufen sei anstrengend gewesen. Dann endlich hätten die Vögel wieder gesungen. „Da wussten wir, es wird langsam hell. Wir haben uns richtig auf den Sonnenaufgang gefreut“, erinnert sich Katrin Jordan.

Alle fünf Kilometer seien „Motivationsschilder“ aufgestellt gewesen, sagt Petra Thiele. Sie habe nie geglaubt, wie lang diese doch recht kurze Strecke sein könne.

„Wir haben Kontakt mit unseren Familien gehalten. Für andere waren wir nicht aufnahmefähig. Wenn man da mitmacht, hat man mit sich zu tun“, erzählt die 52-Jährige.

Bananen gegessen

Morgens um 9 war die 80-Kilometer-Marke erreicht. Alle 20 Kilometer hat es einen Verpflegungspunkt gegeben. Da wurden die Trinkflaschen aufgefüllt. Die beiden haben sich gezwungen, etwas zu essen, auch wenn sie keinen Hunger hatten. „So viele Bananen haben wir noch nie gegessen“, sagt Petra Thiele. Bei jener 80er-Marke sei das Feld schon merklich abgespeckt gewesen. Viele hätten mit sich gerungen, ob sie weitergehen sollen. Auch die beiden Westaltmärkerinnen. „Beim Stopp erzählt man miteinander, motiviert sich gegenseitig. Wenn man es bis hierher geschafft hat, will man es auch durchziehen“, berichtet Katrin Jordan. Auf dem letzten Teilstück wuchsen die verbliebenen Teilnehmer quasi zusammen. Es habe sich ein richtig gutes Miteinander entwickelt, „weil wir ein gemeinsames Ziel hatten“.

Auf den letzten fünf Kilometern hätten sie Radler und Fußgänger angefeuert, gesagt, dass es nicht mehr weit sei. „Als wir das Ziel gesehen haben, waren wir emotional richtig berührt. Die Zuschauer haben geklatscht, der Veranstalter hat jeden einzelnen in den Arm genommen, Tränen sind gekullert. Wir waren unglaublich stolz auf uns“, schildert Petra Thiele. Die Westaltmärkerinnen gehören zu den 1019 Teilnehmern, die die komplette Strecke des Megamarsches absolviert haben. Auch wenn sie die Strapazen in den Beinen spürten, so sprudelt die Euphorie über das Erreichte immer noch aus ihnen heraus.

Unbekannte Ecken gesehen

Die Erfahrung, sich selbst besiegt zu haben, möchten die Freundinnen nicht missen. Sie haben Ecken von Hamburg gesehen, die sie sonst nicht entdeckt hätten: Der Flughafen lag ebenso an der Wanderstrecke wie das Volksparkstadion, Wohngebiete und viel Natur. „Am schlimmsten war der 50-Kilometer-Punkt. Wir wussten, wir haben die Hälfte geschafft. Aber jetzt ging es in die Nacht, wo es doch verdammt kalt war“, erzählt die Frau aus Jübar.

Ob die beiden noch einmal einen Megamarsch wagen werden? „Nicht gleich“, sagen sie wie aus einem Mund. Aber sie können es sich vorstellen, wenngleich nicht in Hamburg. Schließlich wird das Event auch noch in anderen Regionen Deutschlands, aber auch in Wien angeboten.