Salzwedel l Anfang April hatte ein Leser gefragt, ob der Volkstimme Informationen über den Ort bekannt seien, vor dessen Eingang vier sogenannte Stolpersteine an die Namen der Menschen erinnern, die an dieser Stelle gelebt hatten, bis sie der Wahn der nationalsozialistischen Ideologie aus ihrem Haus, und schließlich in den Tod getrieben hatte.

Auf Nachfrage erklärte ein Mitarbeiter im Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, dass das Haus bis zu seiner Enteignung der jüdischen Kaufmannswitwe Clara Weil, geborene Neustadt, gehört habe. Diese habe das Haus gemeinsam mit ihrer Tochter aus erster Ehe, Hanna Hirsch, geborene Levy, deren Ehemann David Hirsch und der Tochter des Ehepaares, Rachel Hirsch, bewohnt. Die Familie habe die Wohnung Anfang der 1940er Jahre aufgeben, und in das sogenannte Judenhaus, in der Altperverstraße 1 ziehen müssen. Dort hätten sie bis zu ihrer Verschleppung im Jahr 1942 gelebt.

Jüdisches Eigentum zu Spottpreis gekauft

Das Haus in der Burgstraße hatte inzwischen, wahrscheinlich durch einen Zwangsverkauf, den Besitzer gewechselt: Entsprechende Gesetze hatten die Nationalsozialisten mit dem Ziel erlassen, sich das Vermögen jüdischer Bürger aneignen zu können. Die Vertreibung der Clara Weil aus ihrem Eigentum könnte so in einem Zusammenhang mit Verordnungen stehen, die das NS-Regime nach der Progromnacht am 9. November 1938 erlassen hatte. In deren Folge waren jüdische Bürger gezwungen, Gewerbebetriebe und Grundbesitz zu verkaufen. Wertpapiere mussten bei Banken hinterlegt werden.

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Als nächster Eigentümer des Hauses ist in den Archiven der Stadt Salzwedel die Firma Wilhelm Gartz belegt. Der hatte, gemeinsam mit seiner Frau Anna, 1805 eine Leinenweberei in Salzwedel gegründet. Die Firmenchronik weist für die Jahre 1907 bis 1974 Louise und Hugo, beziehungsweise Gertrud und Theodor Bach als Geschäftsführer aus. In einer Zeitungsanzeige aus den 1940er Jahren empfiehlt sich das Unternehmen mit zwei Adressen: In der Burgstraße 3 war die Firma mit „Herrenartikeln“ vertreten, die Burgsstraße 59 habe das „Leinenhaus W. Gartz“ beherbergt.

Erzwungene Vornamen als Brandmal

Die Übernahme von Geschäften und Grundstücken jüdischer Bürger zu Preisen, die normalerweise weit unter dem Marktwert lagen, sei für viele deutsche Unternehmer dieser Jahre eine gern genutzte Gelegenheit gewesen, das eigene Geschäft auszubauen, erklärt Stadtarchivar Steffen Langusch. Interessant sei, dass ein Adressenverzeichnis der Stadt Salzwedel aus den Jahren 1939/40, Clara Sara Weil als Mieterin einer Wohnung in der Burgstraße 59 ausweise.

Den zweiten Vornamen, Sara – bei Männern „Israel“ – erklärt Langusch, hätten jüdische Bürger ab 1939 annehmen müssen, um sich schon bei der Nennung ihrer Namen, etwa in Dokumenten, als Juden kenntlich zu machen.

Bei Nacht und Nebel über die Grenze

Bis 1959 habe die Firma Gartz ihre Geschäfte in Salzwedel betrieben, erinnert sich die heutige Geschäftsführerin Sybille Eiben. Die zunehmend dichter werdenden Gerüchte über die Schließung der innerdeutschen Grenze könnte die Familie veranlasst haben, eines der letzten Schlupflöcher zu nutzen, um dem angestammten Sitz des Unternehmens den Rücken zu kehren. „Wir sind damals einfach aufgebrochen“, erinnert sich Eiben. Zurückgeblieben seien gefüllte Warenlager und Regale. Mit der Flucht in den Westen sei wohl auch das Haus Burgstraße 59 an die damalige Verwaltung gefallen, vermutet Eiben. Das Haus habe in späteren Zeiten einen „Konsum“ beherbergt. Bemühungen der Familie, nach der Wende wieder in den Besitz der Immobilien zu gelangen, seien an den Forderungen der Jewish Claims Conference (JCC) gescheitert. Die JCC ist ein Zusammenschluss jüdischer Organisationen die die Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und von Holocaust-Überlebenden vertritt. „Keiner von uns hätte die Millionen gehabt, die das gekostet hätte“, sagt Eiben, zumal das Haus in der Burgstraße unter Denkmalschutz stehe, womit besondere Anforderungen an die Wiederherstellung geknüpft sind.

In der Folge seien Haus und Grundstück der Clara Weil 2001 an eine Erbengemeinschaft rückübertragen worden, berichtet der Landesverband Jüdischer Gemeinden. Wer dazu gehört und heute Eigentümer des Grundstücks ist, sei nicht bekannt: In jedem Fall sei es nicht im Besitz der jüdischen Gemeinschaft oder des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt als deren Vertreter.