Ziemendorf l „Sind Sie sich bewusst, dass Sie gerade das Territorium der DDR verlassen und damit eine Straftat begehen?“ Das rief Jürgen Starck vom BUND, der gerade eine Schülergruppe an der Wirlspitze bei Ziemendorf an der einstigen innerdeutschen Grenze entlang führte, dem einsamen Wanderer Ralph Georgi zu. Der Hesse aus der Rhön rief etwas pikiert zurück: „Das ist nicht so schlimm, ich kenne mich aus, denn ich habe das schon mal gemacht!“

In den Westen geflüchtet

Das war im Frühjahr 2018. Erst viel später stellte sich im Gespräch heraus, was genau er damit gemeint hatte: 1988 war der aus Zwickau stammende Ralph Georgi mit seiner damaligen Freundin versteckt im Auto über die Grenze in den Westen geflüchtet. Bei einem Ungarnurlaub habe er sich aus einer „Laune heraus“ dazu entschlossen. Aber er sei schon vorher nicht so völlig staatskonform gewesen, habe sich in der Kirche und der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“, engagiert.

Die Flucht kam dennoch plötzlich und spontan. „Das ging alles glatt, wir sind inzwischen längst ein Ehepaar, ich bin Schreiner und habe eine gut gehende Werkstatt“, sagte Georgi.

Auf einer Wellenlänge

Und Jürgen Starck, gelernter Fernmeldemechaniker aus der Prignitz mit „Westverwandtschaft“, seit Jahrzehnten in der Altmark zu Hause und seit der Wende am Grünen Band engagiert, schmunzelt: „Mensch, nur ein Jahr vor dem Mauerfall rüberzugehen und das Risiko zu wagen“, meint er anerkennend. Auch er sah vieles zu DDR-Zeiten kritisch, findet auch heute eine Menge nicht optimal.

Der Kontakt zu Georgi (53) blieb bestehen trotz der 300-Kilometer-Entfernung. Sie seien auf gleicher Wellenlänge, so Starck (68). Zwischen ihnen gingen Fotos und Gedankenaustausch per Mail-Kontakt hin und her.

In den Gesprächen stellten sich außerdem viele Gemeinsamkeiten heraus in Sachen Familien, Kinder und Ansichten zum Grenzgebiet, zum Grünen Band und seiner Erlebbarkeit für nachfolgende Generationen, die die Geschichte nur noch vom Hören-Sagen kennen.

Und Georgi erzählte, dass er sich aufgemacht hatte, mit einem Freund das Grüne Band zwischen Hof und Ostsee abzuwandern, und zwar in Jahresetappen. In diesem Jahr anlässlich des 30-jährigen Grenzöffnungsjubliäums verfolge er die Strecke zwischen Hitzacker und Priwall.

Dabei verfolgt er das Anliegen, an den Punkten der Beobachtungstürme, die größtenteils nicht mehr stehen, Erinnerungspfähle zu setzen.

Privatinitiative Grenzpfahlaktion

Mit dieser Absicht rannte er bei Jürgen Starck offene Türen ein. Der Binder wird nicht müde, Gästen die Institution des Ex-Todesstreifens, des Eisernen Vorhangs und heutigen Erlebnisraums Grünes Band nacherlebbar zu schildern. Er führt immer wieder Gruppen am Kolonnenweg entlang, über die Heide und zum Ehrendenkmal für den beim Grenzübertritt auf der Flucht erschossenen Bernhard Simon.

Teils im Auftrag des BUND, teils in Eigenregie. „Das, was wir beide hier tun, ist unsere Privatinitiative Grenzpfahlaktion“, betont Starck. Er brachte Georgi, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, auf die Idee: So wie er selbst an der Wirspitze die Grenzsäule Nummer 319 aufstellte, könne Georgi am Ziel seiner 1393 Kilometer langen Grenzwandertour die Säule Nummer 1 in Priwall an der Ostsee installieren.

Beide installierten kurz vor Ostern einen Erinnerungspfahl am Kolonnenweg am Wirl auf, so wie schon einige Richtung Schmarsau und Aulosen oder bei Georgi in der Rhön stehen.

Grenzgeschichten

Über ihr Vorhaben, über ost- und westdeutsche Grenzgeschichten, über Familie, Arbeit und Hobbys tauschten sich die beiden Wanderer bei einem Zwischenstopp im Binder Garten aus. Aber auch auf der hellblauen von Starck aufgestellten Bank mitten auf dem „Todesstreifen“ machten sie Rast und hinterließen ebenso wie viele Besucher ihre Unterschriften darauf.

Inzwischen geht jeder wieder seiner Wege, über die sie sich regelmäßig informieren.

Jürgen Starck ist außerdem weiter am Grünen Band unterwegs. Am Sonntag, 28. April, können ihn dabei interessierte Teilnehmer bei einer Tour unter dem Motto „Wandern geht immer – Rucksack packen“ begleiten. Treffpunkt ist um 10 Uhr an der Wirlspitze. Picknick für die vierstündige Neunkilometertour ist einzupacken.