Salzwedel l Holzfachmann Nils Gnoth, Meister und Restaurator im Zimmererhandwerk, hat auf seinen Baustellen in und um Salzwedel schon fast alles erlebt. Und auch bei diesem Projekt an der Bocksbrücke in der Altstadt der Hansestadt spricht Gnoth wieder einmal von einem „schrecklichen Zustand“. Seit knapp drei Jahren beschäftigt sich die Firma Gnoth bereits mit dem Gebäude, das vor 1900 errichtet wurde und später mehrfach umgebaut wurde, ehe es ab Anfang der 1990er-Jahre gar nicht mehr genutzt wurde, zusehends verfiel und in Teilen vom Einsturz bedroht war.

60 Zentimeter aus dem Lot

Zuletzt waren in dem Haus in den 1980er-Jahren vier Abteilungen der Stadtverwaltung untergebracht. Darunter zum Beispiel die Öffentliche Wirtschaft unter Leitung des damaligen Stadtrates Siegfried Schneider, späterer Bürgermeister der Hansestadt.

„Diese Giebelwand war 60 Zentimeter aus dem Lot“, zeigt Nils Gnoth nun auf eine neu erstrahlende, schmucke Fachwerkwand. Doch noch im Mai dieses Jahres drohte genau dieses Fachwerk nach innen einzustürzen. Von außen war die Wand mit unschönen Asbestplatten verdeckt.

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„Wir haben zunächst Schrägstützen eingesetzt und die Wand dann Stück für Stück aufgerichtet“, berichtet der Fachmann, der auf Anhieb nicht mehr aufzählen kann, wie viele Sanierungen historischer Immobilien er in Salzwedel bereits begleitete. Auch an der Bocksbrücke nutzten seine Mitarbeiter zur Instandsetzung zumeist Althölzer aus Eiche. Im Innenbereich wurde neues Nadelholz verbaut, das zahlreiche verrottete Balken ersetzte. „Der trägt nichts mehr“, zeigt er zum Beispiel auf einen großen Balken. So wurde von Mai bis November der komplette Dachstuhl erneuert. Alles im Rahmen der sogenannten Notsicherung über Fördermittel.

Kaputt saniert

„Es wurde kaputt saniert“, sagt Diplom-Ingenieurin Bianka Niemeyer, die das Haus vor vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Sören erworben hatte. Das Ehepaar plant die Fertigstellung in den kommenden zwei Jahren. Zwei bis drei Wohneinheiten sollen entstehen, eine gewerbliche Nutzung ist nicht vorgesehen, sagt Niemeyer mit Blick auf den Leerstand zum Beispiel in der Burgstraße.

„Ohne die Fördermittel wären wir dieses Wagnis nicht eingegangen“, betont Bianka Niemeyer, dass hinter der Instandsetzung des historischen Gebäudes ein immenser finanzieller Aufwand steckt. Doch „die Alleinlage direkt an der Stammjeetze“ machte das Haus für Niemeyers interessant. „Viele bringen den Mut nicht auf“, weiß Bianka Niemeyer, welch einen Aufwand so eine Sanierung bedeutet. Das Ehepaar hatte den Mut ‑ auch weil sie bereits ein Eigenheim sanieren mussten.

Größe der Gebäude ist oft ein Problem

Unterstützung kam auch von der Stadtverwaltung, wo Ines Kahrens seit 2007 die Initiative „100 für 100“ betreut. 100 Häuser suchen 100 Familien, war die Idee dahinter, die langsam aber stetig immer mehr Gebäude im Stadtkern vor dem Verfall bewahrt hat. 36 Häuser konnten bisher verkauft werden (siehe Infokasten).

Die größten Hemmnisse sind für Interessenten „sicherlich der schlechte Gebäudezustand in Verbindung mit den hohen Baukosten“, weiß Kahrens. Weiter ist die Größe der Immobilien oft ein Problem. „Denn sie sind dadurch oft nicht als Eigenheim geeignet“, erklärt Kahrens, die in der Stadtverwaltung auch für die Denkmalpflege zuständig ist.

Wird Ines Kahrens nach besonders erfolgreich sanierten Immobilien gefragt, antwortet sie mit einer Aufzählung: Lohteich, Goethestraße, Südbockhorn – an vielen Stellen wurde historischer Bestand erhalten.

Für Interessenten, die sich für den Kauf eines der alten Gemäuer entscheiden, kann vorher eine Ortsbesichtigung mit Mitarbeitern der Denkmalschutzbehörde und dem Stadtbauamt erfolgen. Kahrens empfiehlt Planungsbüros einzuschalten, die sich mit der Materie auskennen.

Fördertöpfe gibt es noch zahlreich, doch der bürokratische Aufwand sollte nicht unterschätzt werden. So gibt es den Stadtumbau Ost bei Aufwertung und Notsicherung, bei Energiesparmaßnahmen und Barrierefreiheit sind KfW-Darlehen möglich. Bei Einzeldenkmalen verweist Kahrens auf mögliche Hilfen auch über Stiftungen (Sparkasse, Hermann Reemtsma, Deutsche Stiftung Denkmalschutz) oder die Lotto-Toto GmbH und das Landeskultusministerium.