Salzwedel l Wenn Jutta Jaeger mit Touristen oder anderen Gruppen in der Stadt unterwegs ist, dann kann auch die 77-Jährige noch etwas dazu lernen. So weiß sie heute, nach einer Runde mit einer Schülergruppe, wer denn der Schutzpatron der Elektroninstallateure ist. „Ich habe da am Amtsgericht über den Heiligen Christopherus gesprochen, den Schutzpatron der Hanse“, erinnert sich Jaeger in der Salzwedeler Tourist-Info. Da habe einer der Jugendlichen etwas vorlaut gefragt, wer denn die Heilige der Elektriker sei. Da musste selbst die sehr belesene Stadtführerin passen und lacht heute noch herzerfrischend über die Antwort: „Heidi Kabel.“

Die Eifersucht der Neustadt

Mit der Wende, Anfang der 1990er-Jahre, wurde Jutta Jaeger Stadtführerin in Salzwedel. Eins war von Beginn an klar: Jahreszahlen wollte sich nicht nur runterbeten. Der Rundgang durch Salzwedel sollte allen Spaß machen, auch der Führerin, und informativ sein.

Das setzt Jaeger immer wieder gekonnt um. So wenn sie zum Beispiel betont, dass die Neustadt eifersüchtig auf die Alte Stadt – „nicht Altstadt!“ – blickt. „Schließlich hatte die Alte Stadt neun Ratsherren und die Neue nur einen. Und die Neustadt hat nur eine Kirche, St. Katharinen“, zählt sie auf.

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Jutta Jaeger ist in Salzwedel übrigens auch als „Frau Hanse“ bekannt. Viele Fahrten, zum Beispiel nach Münster oder Wisby, hat sie mitgemacht. Vor den Reisen hat sie immer etwas über die Ziele gelesen. Warum dann nicht auch mal etwas über Salzwedel lesen? Es folgte ein Kurs an der Volkshochschule und der Job wurde angegangen. Nun ist sie fast 30 Jahre auf dem Pflaster der Hansestadt unterwegs.

Gezielte Fragen

Wollen die Teilnehmer unterhalten werden oder Wissen mitnehmen? „Wissen“, stellt Jaeger klar. Salzwedel sei vielen nicht mehr unbekannt, die heutzutage in den nördlichen Zipfel Sachsen-Anhalts kommen, weiß die Stadtführerin. „Viele stellen ganz gezielte Fragen“, berichtet sie.

Zum Beispiel zum „Finanzamt an der Marienkirche“. Bei einer Kinderführung benannte ein Junge die Kluhs kurzerhand um. Zuvor hatte ein Mädchen gefragt, was denn „der Sack da oben soll?“ Jaeger hatte dann erklärt, was der sogenannte Zehnt war, eine Abgabe in Geld oder Naturalien an die Kirche oder den König im Mittelalter. Für den Jungen war also klar: die Kluhs war mal ein Finanzamt.

Die Sage selbst erzählen

Manchmal muss auch die Gästeführerin gar nicht viel reden. Wenn sie mit ihren Gruppen an der Marienkirche steht, wird natürlich immer wieder der schiefe Turm dieses Salzwedeler Wahrzeichens thematisiert. „Die Sage lasse ich sie dann selbst erzählen“, findet Jutta Jaeger immer wieder jemanden, der die Geschichte von Jan Kahle und der Entstehung des Pfefferteiches wiedergeben kann. Ansonsten sprudelt das Stadtwissen bei der Rentnerin aber wie ein Wasserfall.

In ihren kleinen Stadtführer muss sie kaum noch schauen. „Ich kann alles auswendig“, sagt sie. Ein paar Daten oder die Verwandschaftsverhältnisse von Albrecht dem Bären schaut sie aber doch sicherheitshalber schnell nach.

Wie der Hungerturm zu seinem Namen kam, kann Jaeger übrigens auch nicht sagen. Diese Antwort ist vielen Touristen aber auch nicht so wichtig. „Etwas Rundere möchten dort gerne für drei Tage eingesperrt werden,“ wird sie oft spaßig gebeten. Ob die Gäste nach drei Tagen schon spindeldürre wieder herauskommen, kann die Stadtführerin nicht sagen. Denn zurückgeblieben ist dort dann doch noch niemand.