Salzwedel l Jahrhundertealte Holzproben, die im Boden überdauerten, können Geschichte erzählen. Zwar erst, wenn sie in die Hände eines Fachmanns fallen. Doch einen solchen gibt es mit Dr. Karl-Uwe Heußner vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin.

Er nahm 48 Holzproben genauer unter die Lupe, die Prähistoriker Uwe Fiedler im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zwischen Mitte Juni und August 2019 beim Straßenbau in der Altperverstraße in Salzwedel sichergestellt hatte. Diese wurden dendrochronologisch untersucht. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Fälljahr bestimmt

„Bei 24 Proben, also genau bei der Hälfte, war das Fälljahr zu bestimmen. Bei vier Proben weiß man sogar, dass die Fällung im Sommer erfolgte“, freut sich Uwe Fiedler über den Bericht aus Berlin. Vier Fälldaten würden auf die Jahre 1148 bis 1150 verweisen. Es gebe aber auch eine Probe, bei der der Baum wohl etwas früher gefällt worden sei. Der Prähistoriker schlussfolgert aus dem Aufwand, mit dem der Straßenbau vor der Stadt betrieben worden sei, dass die Verbindung zu jener Zeit eine große Bedeutung hatte. „Das deutet auf eine finanzkräftige Gemeinde mit einem starken kaufmännischen Bereich hin und ist ein Anzeichen für eine werdende Stadt“, schlussfolgert er.

Damit zeigen sich zeitliche Parallelen zum Südbockhorn, wo die ältesten Eichenbohlen wohl zwischen 1143 und 1146 verlegt worden sind. Auch dort wurden die laufenden Bauarbeiten von Uwe Fiedler begleitet (Volksstimme berichtete). Nachzulesen ist das leider nicht mehr in Dokumenten. Denn diese sind dem Salzwedeler Rathausbrand in der Nacht vom 6. auf den 7. März 1895 zum Opfer gefallen.

Eichenholz

Durch die Ergebnisse der Untersuchungen sind verlorene Erkenntnisse teilweise wieder ans Licht gebracht worden. Daraus lässt sich auch ableiten, dass die Bohlenwege, die für den Transport des Salzes wichtig waren, ständig gewartet und erneuert wurden. Umfangreiche Arbeiten in der Altperverstraße habe es wohl um 1190 gegeben. Denn auch aus jenen Jahren gebe es Fäll-Nachweise, sagt Uwe Fiedler. Bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts konnten Nachweise erbracht werden. Jüngere Hölzer seien wohl dem späteren Straßenbau zum Opfer gefallen, schlussfolgert er. Für die Pfosten sei ausschließlich Eichenholz verwendet werden. Weichere Holzarten wie Erle und Ahorn seien nur für den Unterbau der Bohlen verwendet worden.

Das größte Holz, entdeckt vor dem Fahrradgeschäft von Bernd Leineweber, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Landesamtes, sei ein mindestens vier Meter langer Stamm mit einem Durchmesser von 55 Zentimetern gewesen. „Wir wissen, dass die Erle 984 gepflanzt und 1160 gefällt wurde“, berichtet Uwe Fiedler. Zu jener Zeit, als sich Stendal beispielsweise noch im Stadtwerdungsprozess befunden habe, sei in Salzwedel immer noch am Bohlenweg gebaut worden.

Fund des Vortores überrascht

„Die interessanteste Entdeckung für mich in der Altperverstraße war das Vortor des einstigen Altperver Tores“, erzählt der Prähistoriker. Unter gewaltigem Zeitdruck hätte das Mauerwerk freigelegt werden müssen, von dem er nichts geahnt habe. Der Baubegleiter schätzt ein, dass die Altperverstraße eine Vorstadtsiedlung gewesen sei. Die Mistgruben hätten sich auf dem eigenen Grundstück befunden. Dadurch sei im Straßenbereich nur neuzeitliche Keramik zum Vorschein gekommen.

Noch sind nicht alle Geheimnisse gelüftet. Untersucht werden müssen noch etwa 30 Hölzer von Fiedlers erkranktem Kollegen Dietmar Steffens, die dieser in der ersten Bauphase aufnahm, und eine Probe von Bernd Leineweber. Dazu gehört auch ein Fundamentholz der Zwingermauer (eine einstige Verteidigungsanlage), das neben dem Karlsturm geborgen wurde.