Hoyersburg l Sie möchte nicht namentlich genannt werden, die Furcht vor weiteren Repressionen ist groß. Ihre Hand zittert leicht, während die Frau über die Zustände an ihrem Arbeitsplatz berichtet. Ihre Stimmung ist von Angst und Machtlosigkeit gezeichnet.

Seit einigen Jahren arbeitet Silke (Name von der Red. geändert) bereits im Tierheim in Hoyersburg. Ihre Arbeit macht ihr Spaß, sie liebt den Umgang mit Tieren, es ist ihre Herzensangelegenheit. Doch gerne fährt Silke derzeit nicht mehr zur Arbeit. Sie hat Angst, spricht von unhaltbaren Zuständen. „Die Prüfungskommission hat mich genötigt, ein Schriftstück zu unterzeichnen“, sagt Silke. Das war am 24. Februar. Ein Mitglied der Kommission habe es ihr diktiert. „Antje Gebert (Vorstandsvorsitzende) hat sich breit in die Tür gestellt.“ Niemand sollte reinkommen.

Bedrohliche Kulisse

In dem Schriftstück soll es sich um das Fahrtenbuch des Tierheim-Autos gehandelt haben und darum, ob Silke ihren Namen in das Buch selbst eintrug. „Ich wollte nur raus aus dem Raum“, erinnert sie sich. „Sie sagten, sie sind die netten Leute. Die Bösen würden noch kommen.“ Eine bedrohliche Kulisse. Noch am gleichen Abend erstattet Silke bei der Polizei Anzeige wegen Nötigung. Nur wenige Tage später eskaliert die Situation vollends. „Die kamen wieder alle auf einen Schlag auf den Hof des Tierheims“, sagt Silke: „Die Prüfungskommsission und die Vorsitzende Antje Gebert.“

Wieder sollte Silke ins Büro. Dieses mal aber nahm sie sich zwei Hilfskräfte als Verstärkung mit. „Ich wollte nicht wieder allein mit denen in einem Raum.“ Man sagte ihr, die Kassen werden geprüft und die Hilfskräfte sollten den Raum verlassen. „Antje Gebert setzte sich vor die Tür.“ Ein Kommissionsmitglied hielt sie zu. Keiner sollte raus, keiner rein. Eine Hilfskraft habe dies probiert, vergebens. „Ich sollte mich entscheiden, zu wem ich halte. Zu Nancy Schulz (Ex-Tierheim-Chefin und Schatzmeisterin des Vereins) oder zu ihnen. Sonst hätte es Konsequenzen.“ Ein Kommissionsmitglied habe seine Arme auf den Tisch gestützt und sich ihr entgegen gebeugt. „Ich hatte Angst und fühlte mich bedroht.“

Anzeige erstattet

Wieder ging Silke zur Polizei und erstattete Anzeige. Diesmal wegen Freiheitsberaubung. Eine dritte Anzeige wegen Missbrauch des Datenschutzes bereitet ihr Anwalt gerade vor, denn Silkes Handynummer wurde weiter gereicht. „Ein Kommissionsmitglied hat mich spät abends angerufen. Meine Nummer habe ich ihm nie gegeben.“

Es seien Machtkämpfe und alte Seilschaften, glaubt Silke. Das Wohl der Tiere bliebe dabei komplett auf der Strecke. „Antje Gebert fragt nie nach dem Wohl der Tiere oder geht erstmal schauen, wie es ihnen geht. Sie geht immer direkt ins Büro. Ihre eigenen Hunde lässt sie dafür auf dem Hof laufen. Dann ist für die Tierheim-Bewohner kein Platz.“ Tierheim-Hunde und die Tiere der Vorsitzenden hätten sich bereits „gekabbelt“.

Finale Machtprobe

Der Streit des Tierschutzvereins Salzwedel läuft nun auf seinen traurigen Höhepunkt zu. Vorstandsvorsitzende Antje Gebert hat zur finalen Machtprobe geladen. Am Freitag (22. März) soll bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über die Zukunft von Tierheim-Chefin und Schatzmeisterin Nancy Schulz und des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Frank Sill befunden werden. Es gibt nach Informationene der Volksstimme lediglich zwei Tagesordnungspunkte: „Nancy Schulz“ und „Frank Sill“.

Hintergrund: Sowohl Nancy Schulz als auch Frank Sill haben vor rund einem Monat ein Schreiben von Antje Gebert erhalten. Darin fordert sie beide auf, sofort ihre Vorstandsarbeit niederzulegen. Obendrein bekam die Tierheim-Chefin ihre fristlose Kündigung (wir berichteten). Nancy Schulz wird unter anderem vorgeworfen, dass Fahrzeug des Tierheims für private Zwecke genutzt zu haben. Frank Sill soll eine Box mit Wertgegenständen aus einem Erbe einbehalten haben. Beide weisen die Anschuldigungen zurück.

Kündigung ausgesprochen

„Seit dem Antje Gebert am 14. Dezember 2018 zur Vorstandsvorsitzenden gewählt wurde, gibt es nur Ärger“, klagt Nancy Schulz im Gespräch mit der Volksstimme. Der Höhepunkt mündete in besagter Kündigung. Doch eben diese sei nicht mit dem Vorstand des Tierschutzvereins abgestimmt gewesen. „Eine Alleinvertretungsberechtigung ist keine Alleinbestimmungsberechtigung“, moniert Schulz. Sie fragt sich, wofür der Verein überhaupt noch weitere Vorstandsmitglieder benötige, wenn doch nur eine Person entscheide.

Der Vorwurf, dass Schulz das Tierheim-Fahrzeug für private Fahrten genutzt habe, sei falsch. „Zum Tierarzt, Spendenbox holen, Bereitschaftsdienst abdecken und vom Wohnort zum Tierheim und wieder zurück“, das seien ihre Touren, erklärt Schulz. Doch die tägliche Strecke aus Salzwedel zum Tierheim nach Hoyersburg und zurück, werde ihr nun als Privatfahrt angelastet. „Klar, man vergisst auch mal im Stress das Fahrtenbuch sofort auszufüllen“, sagt die Ex-Tierheim-Chefin, doch im Nachhinein habe sie die Eintragungen stets zuhause geschrieben. Jahrelang wurde dies so gehandhabt. „Jetzt heißt es Urkundenfälschung.“

Auch der Vorwurf der Unterschlagung gegen Frank Sill sei an den Haaren herbeigezogen und diene, wie er sagt, ebenfalls nur dem Zweck, ihn loszuwerden. „Ich habe eine Wertkassette zuhause gehütet – seit 2017“, so Sill. Inhalt: Schmuck aus einem Erbe. Doch dies sei intern bekannt gewesen. Bekommen habe er die Box seinerzeit von Christine Binder, bis Oktober 2018 Vorstandsvorsitzende, und Ingrid Ringleb, bis Oktober 2018 die Stellvertreterin. Der Schlüssel für die Kassette liege ohnehin im Tierheim, so Sill. Er habe also gar keinen Zugriff.

Dennoch hat Antje Gebert sowohl Nancy Schulz als auch Frank Sill für all das angezeigt, geht aus einem internen Schreiben hervor. Schulz wiederum hat auch Anzeige gegen Gebert erstattet. Wegen Nötigung zur Selbstanzeige.

Hausverbot erteilt

Schulz und Sill meiden seit dem nach eigenen Angaben das Tierheim, wollen weiterem Streit aus dem Weg gehen. Betreten dürfen sie nach Geberts Ansage das Areal ohnehin nicht mehr. Sie ließ eine Bekanntmachung aushängen, wonach Sill und Schulz Hausverbot haben. Auch dieser Alleingang sei nicht mit dem Vorstand abgestimmt, so Frank Sill. Schließlich gehöre er dem Vorstand an – wie auch Nancy Schulz als Schatzmeisterin.

Auch Erika Lahmann (79), seit 1995 Mitglied im Tierschutzverein, muss sich Anfeindungen gefallen lassen. „Bei der Sitzung am 15. März ist sie angeschrien worden“, weiß Sill.

Erika Lahmann zeigt sich im Gespräch mit der Volksstimme irritiert und verärgert über die derzeitige Situation im Tierheim. Sie berichtet von drei Schatzmeistern allein in den vergangenen vier Jahren. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Wechsel der Tierheimleitung. Von 2015 an, war Nancy Schulz die nunmehr vierte Leiterin. Zwei Vorgänger hätten wegen psychischer Belastung hingeschmissen.

Antje Gebert hatte sich zunächst im Volksstimme-Gespräch zur Gesamtsituation geäußert, kurz darauf aber ihre Zustimmung zur Veröffentlichung zurückgezogen.