Arendsee l Zugegeben: Ein wenig aufgeregt bin ich schon, als ich das Gelände des Arendseer Jugendfilmcamps betrete. Schließlich habe ich bisher lediglich die Information, dass ich heute Teil eines Schwertkampfes sein werde. Wie genau das ablaufen wird und ob ich das überhaupt kann, weiß ich nicht. Immerhin habe ich als Fan von Actionfilmen schon mal die eine oder andere Kampfchoreografie gesehen.

Respekt zu haben und die Gefahr einschätzen zu können, ist eine Grundvoraussetzung für einen Stuntman, erzählt mir Thomas Ziesch. Der Schauspieler und Bühnenkampfchoreograf aus Bremen trainiert mit den Teilnehmern des Jugendfilmcamps Arendsee derzeit Prügelszenen, Messerkämpfe und andere Stunts. „Eigentlich wäre ich jetzt in China und hätte in einer aufwendigen Freilichtproduktion den Hector aus Troja gespielt. Aber leider war der restliche Cast zwanzig Jahre jünger als ich“, berichtet der 46-Jährige, der unter anderem als Gastdozent für Bühnenkampf an den Hochschulen Hannover und Bremen arbeitet.

Um die Gefahr von Verletzungen zu minimieren, ist es nicht nur wichtig, sich vor einem Stunt bis ins Detail abzusprechen, sondern vor allem, sich später auch genau daran zu halten. Improvisationen sind hier fehl am Platz und können ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. „Hoffentlich bekomme ich das hin“, denke ich mir, als wir uns zur Besprechung in ein Zelt setzen.

Training beim Stunt-Profi

Arendsee l Volksstimme-Redakteur Fabian Laaß besuchte Schauspieler und Stuntman Thomas Ziesch, der als Dozent im Jugendfilmcamp Arendsee unterrichtet.

  • Volksstimme-Redakteur Fabian Laaß nahm Unterricht bei Stunt-Profi Thomas Ziesch. Foto: Volksstimme

    Volksstimme-Redakteur Fabian Laaß nahm Unterricht bei Stunt-Profi Thomas Ziesch. Foto: Volks...

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  • Volksstimme-Redakteur Fabian Laaß nahm Unterricht bei Stunt-Profi Thomas Ziesch. Foto: Volksstimme

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  • Volksstimme-Redakteur Fabian Laaß nahm Unterricht bei Stunt-Profi Thomas Ziesch. Foto: Volksstimme

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Doch die Anspannung verfliegt schnell. Dafür sorgt Thomas Ziesch mit seiner lockeren und sympathischen Art. Nicht nur durch seine Referenzen – allein 2017 zeichnet er unter anderem für die Bühnenfechtszenen der Theateraufführungen von Don Giovanni an der Oper Frankfurt, Cyrano de Bergerac am Staatstheater Memmingen oder auch Die drei Musketiere an der Burgbühne Dilsberg verantwortlich –, sondern wegen seiner verständlichen Erläuterungen wird mir sofort klar, dass ich es mit einem wirklichen Fachmann zu tun habe. „Gerade auf der Bühne muss das Timing genau stimmen. Sonst merken die Zuschauer sofort, dass es nicht echt ist. Das wollen wir vermeiden“, sagt der Kampfchoreograf. Beim Film lasse sich eine Kampfszene mithilfe verschiedener Kameraeinstellungen und mehrfacher Wiederholungen perfekt modellieren. Das gehe am Theater nicht.

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Faustkampf inszeniert

„Das perfekte Timing und gute Körperbeherrschung sind extrem wichtig für Stuntleute. Deshalb kommen viele dieser Profis aus dem Leistungssport oder vom Militär“, erzählt mir Thomas Ziesch. Da sind sie wieder, meine Zweifel, ob ich unser Vorhaben umsetzen kann, ohne mich oder meinen Lehrer zu verletzen. „Vielleicht macht sich mein jahrelanges Kampfsporttraining ja doch noch bezahlt“, sage ich im Scherz.

Und das ist gar nicht so abwägig, denn als erste Übung hat sich Thomas Ziesch eine Schlägerei ausgedacht. „Ich favorisiere den schmutzigen Straßenkampf“, sagt er und mir fallen sofort Szenen von Gläsern ein, die auf meinem Kopf zerschlagen werden oder Kopfstöße, die zum Nasenbeinbruch führen. „Denk bitte daran, dass das nächste Krankenhaus ein ganzes Stück weit weg ist“, entgegne ich.

Los geht es mit einer leichten Aufwärmübung. Wir wollen so tun, als ob ich einen Faustschlag ins Gesicht bekomme. „Der Schlag selbst wird auf Schulterhöhe ausgeführt und geht an deinem Körper vorbei. Du musst deinen Kopf im richtigen Moment zur Seite schwingen lassen, um den Aufprall zu simulieren“, erklärt mein Thomas Ziesch.

Gesagt, getan. Ein paar Minuten später steht die Choreografie. Mit der linken und der rechten Faust bekomme ich zwei Schläge verpasst, zum Abschluss folgt ein Tritt in den Magen. Meine Aufgabe ist es, das Timing zu finden und nach hinten abzuspringen, um weich auf zwei übereinander gelegten Matratzen zu landen.

„Ich habe früher geboxt. Aber wenn ich getroffen wurde, bin ich immer aggressiver geworden. Also bin ich lieber zum Bühnenkampf übergegangen. Da wird nur so getan als ob“, sagt Thomas Ziesch. Und da es auch mir nicht gefällt, Schläge einzustecken, gehen wir zum Messerkampf über.

Dieses Mal bin ich der Angreifer. Drei Stiche werde ich versuchen. Thomas Ziesch weicht den ersten beiden aus, beim dritten blockt er meinen Arm. Was folgt ist eine Art Schulterwurf. Nur kommt die Kraft dafür nicht aus Thomas Zieschs Arm, sondern aus meinen Beinen. Mittels Sprungrolle lande ich wieder auf den Matten.

Konzentration ist gefragt

Die ersten Schweißperlen haben sich auf meiner Stirn gebildet. Ganz schön anstrengend so eine Choreografie. Doch es wird nicht einfacher. Denn als nächstes greifen wir zum Degen. „Die Choreografie soll echt aussehen, aber trotzdem sicher sein“, erklärt mir Thomas Ziesch. Da ich noch nie einen Degen in der Hand hatte, gehen wir den Bewegungsablauf Schritt für Schritt durch, bevor wir die Klingen kreuzen. Aus zwei Schlägen entwickelt sich nach und nach ein richtiger Kampf mit Angriffs- und Abwehrwechseln. Jetzt noch Mantel und Hut und ich könnte als Musketier für Arme durchgehen.

Wir wechseln noch ein letztes Mal die Waffe und das Zeitalter – der Schwertkampf wird die finale Auseinandersetzung an diesem Nachmittag sein. Mittlerweile haben sich um uns zahlreiche Teilnehmer des Jugendfilmcamps postiert, die vom Geräusch der aufeinandertreffenden Klingen angelockt wurden.

Auch mit dem Schwert – eine Spezialanfertigung aus Flugzeugaluminium – wird aus Abwehr und Angriff letztlich eine flüssige Choreografie. Nachdem ich zunächst mehrere Angriffsschläge vollführt habe, werde ich zur Verteidigung gezwungen. Vier Paraden später weiche ich mit einer Drehung aus, greife selbst wieder an. Doch als ich meinem Gegner einen todbringenden Schlag auf den Kopf verpassen will, fängt dieser mein Schwert mit seinem ab, schlägt es zur Seite und schlitzt mir den Bauch auf. Für mich ist der Zeitpunkt gekommen, mit einer Drehung über die linke Schulter nach hinten zu springen. Im Film und auf der Bühne wäre meine Rolle nun zu Ende.

Wenn ich mir vorstelle, zusätzlich zu der Choreografie jetzt auch noch Text behalten zu müssen, wird mir klar, welche Konzentrationsleistung hinter diesem Beruf steckt. „Ich habe natürlich viele vorgefertigte Abläufe, die ich dann anpassen kann. Es gibt eine Vielzahl an Grundelementen“, berichtet mir Thomas Ziesch. So eine Kampfszene ähnelt letztlich einem Tanz. Nur mit Faust, Schwert und Degen.