Böddenstedt l Die Altmark ist mehr als nur eine grüne Wiese. Sie ist vor allen Dingen eine historische Kulturlandschaft. Sie ist ein Hort an Kunstschätzen aus vielen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden. Die Altmark oder Antiqua Marchia (Alte Mark), wie sie in alten Schriften benannt wird, kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken.

So entstanden mit der Christianisierung der Altmark zahlreiche Kirchenbauten. Insgesamt 518 zählte der Hobbyhistoriker Thomas Hartwig, die er in seinem Buch „Alle Altmarkkirchen von A-Z“ zusammenfasste. Und damit hat die Altmark die höchste Kirchendichte Deutschlands, ist er sich sicher. Doch noch mit einem anderen Rekord kann die Altmark in dieser Beziehung aufwarten. In kaum einer anderen Region Europas ist die Fülle an mittelalterlichen Wandmalereien so hoch wie in der Altmark.

Romanik und Gotik

In etwa 70 innerstädtischen oder dörflichen Pfarr-, Kloster und Stiftskirchen haben Wandmalereien aus der Romanik und der Gotik die vielen Jahrhunderte mehr oder weniger gut überdauert. So auch im Kerngebiet der Stadt Salzwedel, wie in der Marien-, der Katharinen- und der Mönchskirche. Aber auch in den Feldsteinkirchen in der Umgebung lassen sich noch heute Spuren spätmittelalterlicher Künstler finden. Dabei reicht die Bandbreite der Darstellungen von Strichzeichnungen bis zu qualitativ hochwertigen Malereien von höchster künstlerischer Qualität.

Da dieser historische Kulturschatz noch weitgehend unbekannt ist, wurde 2018 ein Projekt entwickelt, um die mittelalterlichen Wandmalereien zu erforschen, zu katalogisieren, gegebenenfalls zu konservieren und vor allen Dingen sollen sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt im Rahmen des Europäischen Leader-Prozesses auf Initiative des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, mit Beteiligung der Kirchenkreise Salzwedel und Stendal.

Am Sonntag nun präsentierte Diplom-Restauratorin Corinna Scherf im Rahmen des zweiten Europäischen Tages der Restaurierung, der seit 2018 jeweils am zweiten Sonntag im Oktober stattfindet, erste gewonnene Erkenntnisse und Ergebnisse.

Passion Jesu Christi

Sie hatte die Böddenstedter Feldsteinkirche Sankt Stephan, eine der 70 altmärkischen Kirchen mit mittelalterlicher Wandmalerei, dafür ausgewählt. In der Apsis der Kirche aus dem Spätmittelalter haben sich Malereien, ebenfalls aus dieser Zeit, bis heute erhalten. Sie zeigen in 16 Bildern die Passion Jesu Christi, somit die Geschichte von seinem Eintreffen in Jerusalem bis zu seiner Auferstehung nach seiner Grablegung.

Die Malereien sind zum Teil nur in Fragmenten erhalten, zum Teil sind sie ganz verschwunden. Es ist schon Fantasie vonnöten, um zu erkennen, was die Malereien darstellen. Um diese zu verdeutlichen, hatte die Restauratorin die Malereien fotografiert und die Umrisse am Computer nachgezeichnet. Diese anschließend ausgedruckt und den interessierten Besuchern vorgelegt. Dieses eröffnete ganz andere Sichtweisen für die Besucher und die Malereien nahmen gut erkennbare Formen an.

Malereien übertüncht

Lange Zeit waren die Malereien übertüncht gewesen, bis sie 1936 vom Kirchmaler Fritz Mannewitz wiederentdeckt und freigelegt wurden, erläuterte sie. Zum Glück versuchte dieser die Malereien nicht nach eigener Interpretation nachzumalen, sondern beließ sie so, wie sie waren. Einzig in den Feldern, in denen nichts mehr zu erkennen war, malte er christliche Zeichen oder Sprüche hinein.

Auch wenn die Malereien in der Böddenstedter Kirche zunächst übertüncht wurden und dann wieder freigelegt werden mussten, wobei auch viele Farbpartikel verloren gingen, war es vielleicht doch ein glücklicher Umstand, der die Malereien zum Teil bis heute bewahrte. So haben die Fachleute nun gute Voraussetzungen, um die jahrhundertealten farbigen Darstellungen eingehend zu erforschen. Dieses geschieht in Zusammenarbeit zwischen Kunsthistorikern, Bauforschern, Restauratoren, Naturwissenschaftlern und Historikern.

Publikationen geplant

Die Ergebnisse sollen in Vorträgen und Wanderausstellungen und in einem Begleitheft den Gemeinden und somit der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Nach Abschluss des Projektes sei eine Publikation der Wandmalereien und der Forschungsergebnisse durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt vorgesehen, informierte Corinna Scherf.