Geschichte

2. Weltkrieg: Etui aus Förderstedt führt auf die Spur von KZ-Häftling aus Frankreich

Nach Kriegsende fand ein Junge das Zigarettenetui eines französischen KZ-Häftlings bei Förderstedt, der in Schönebeck interniert war. Nach privaten Recherchen in Buchenwald konnte der Mann ausfindig gemacht werden.

Von Thomas Linßner
Zigarettenetui des französischen Häftlings Leon Pilois. Es befindet sich heute wieder  bei seinen Nachkommen in Frankreich.
Zigarettenetui des französischen Häftlings Leon Pilois. Es befindet sich heute wieder bei seinen Nachkommen in Frankreich. Foto: Thomas Linßner

Glöthe/Schönebeck/Barby - „Liebe Volksstimme! Fand den Artikel spannend, habe auch eins gehabt. Schicke mal ein Bild“, reagierte Brigitte Eigendorff aus Glöthe auf einen Beitrag, in dem es um ein kunstvoll graviertes Zigarettenetui ging. Es gehört der Barbyerin Brigitte Ihlau, die es in Ehren hält. Sie geht davon aus, dass ein russischer Kriegsgefangener oder ein Zwangsarbeiter, der in Schönebeck interniert war, diese kunstvolle Arbeit verrichtete. Mehr weiß sie dazu nicht. Nun meldete sich Brigitte Eigendorff, die deutlich mehr erzählen kann.

Rückblende: Kurz nach Kriegsende stromern ein paar Jungen am Bahndamm bei Förderstedt herum. Darunter ist auch Ekkehard Eigendorff, der aus Berlin stammt. Er zählt zu jenen Kindern, die mit ihren Müttern aus der Reichshauptstadt aufs Land evakuiert wurden. Der schweren Luftangriffe wegen. Die Väter sind in Kriegsgefangenschaft oder gefallen.

Stacheldraht als Motiv

Die Jungen sind stets auf der Suche nach etwas Essbarem. Die Zeiten sind schlecht. Ekkehard, Jahrgang 1942, ist der Jüngste. Während seine Freunde nach Kartoffeln und Zuckerrüben Ausschau halten, fällt dem kleinen Jungen an der Bahnbrücke unweit des Kalkwerkes etwas Weinrotes im Gebüsch auf. Es ist eine schön verzierte Zigarettenschachtel mit „komischen Buchstaben“. Auf dem Deckel sind Stacheldraht, eine zerrissene Kette und ein vierblättriges Kleeblatt zu sehen. Derweil sich die Jungen mit ihrer Beute in Form von Rüben nach Hause trollen, freut sich Ekkehard über das Zigarettenetui, das er wie einen Schatz aufhebt ...

Besitzer war Franzose

Die Jahre vergehen. Ekkehard Eigendorff wird Elektriker im Zementwerk, heiratet die hübsche Brigitte, baut das Haus der Schwiegereltern aus. Er ist handwerklich sehr geschickt. Ab und zu, wenn er zu Hause rumkramt, fällt ihm das merkwürdige Etui in die Hände. Mit der Reife des fortschreitenden Alters und Initiative seiner Ehefrau verdichtet sich eines Tages der Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen. Denn die eingravierten Worte „Buchenwald/Schönebeck“ und die Zahlen „43-44-45“ lassen das Paar nicht los. Es ist klar, dass der Besitzer Franzose war. Ist die fünfstellige Zahl 21653 eine Häftlingsnummer?

Brigitte Eigendorff pflegte einen langjährigen Schriftwechsel mit dem Franzosen, der in Schönebeck inhaftiert war.
Brigitte Eigendorff pflegte einen langjährigen Schriftwechsel mit dem Franzosen, der in Schönebeck inhaftiert war.
Foto: Thomas Linßner

Spurensuche im ehemaligen KZ Buchenwald

Wo kriegt man das besser raus als in Buchenwald!? Die Eigendorffs besuchen 2006 die Gedenkstätte nahe Weimar. Und werden fündig, nachdem sie dem Kustos die Geschichte erzählt haben. Der kriegt mit Hilfe der Häftlingsnummer heraus, wer der Mann war, der sein Zigarettenetui so kunstvoll verzierte. Er heißt (oder hieß?) Leon Pilois. Vielleicht lebt er ja noch. Der Franzose war als politischer Häftling von 1943 bis zum 15. Mai 1945 nach Schönebeck deportiert worden. Dort betrieb das KZ Buchenwald ein Außenlager namens „Julius“. Mit den Häftlingen sollte der Arbeitskräftemangel im Schönebecker Zweigbetrieb der Junkers-Flugzeug- und Motorenwerke AG ausgeglichen werden. Es wurden Elektroguss-, Blechpress- und Zerspanteile sowie Aggregate für die Flugzeugzellen der Baumuster Ju 88, Ju 188 und He 162 hergestellt.

Hilfe durch französische Botschaft

Die letzte Stärkemeldung am 10. April 1945 beträgt 1563 Häftlinge. Mit dem Anrücken der Amerikaner wird das Lager am 11. April geräumt. Die Häftlinge werden ostwärts getrieben. Ihr Todesmarsch führt über Barby, Loburg, Wiesenburg, Lehnin, Wittstock, Grabow, Redlin. Nur rund 400 Männer des KZ Julius überleben. Leon Pilois schafft es irgendwie, nicht mit auf den Marsch zu müssen. Wie er in Schönebeck, so sein Eintrag auf dem Etui, bis zum 15. Mai durchhielt, ist heute unklar. Doch zurück zu den Eigendorffs. Die ermitteln mit Hilfe der französischen Botschaft 2006 die Wohnanschrift in Méry-sur-Seine im Nordwesten Frankreichs. Die Eigendorffs schreiben. Kurz darauf die Überraschung: Leon Pilois lebt noch. Er ist 95 Jahre alt. Und antwortet.

Vom Schicksal ergriffen

Brigitte Eigendorff bittet die Glöther Französischlehrerin Andrea Böhnert um Übersetzung. „Während dieses traurigen Krieges wurde ich [...] 1943 interniert und [...] bis zum 15. Mai 1945 zur Fabrik nach Schönebeck deportiert“, schreibt Pilois. Der damals 95-Jährige gesteht, dass er mit einem „Gedächtnisleiden und anderen Nebenwirkungen“ nach Hause zurückgekehrt sei. Deswegen die Erinnerungs- lücken. Vor Schönebeck war er als „Politischer“ in verschiedenen französischen Lagern interniert, wo er in Steinbrüchen schuften musste. Als Junkers Schönebeck dringend Arbeitskräfte brauchte, habe man ihn dort hinversetzt.„Was meine Schachtel betrifft, glaube ich, dass sie einer der Chefs eingezogen hat“, schreibt Leon Pilois. Das würde auch den Fundort bei Förderstedt erklären.

Etui geht zurück an den Besitzer

Brigitte und Ekkehard Eigendorff sind vom Schicksal des Franzosen ergriffen. Auch davon, dass er sachlich und ohne Hass über sein Martyrium in Deutschland erzählt. Sie senden das Etui an den 95-Jährigen zurück. Obwohl es die Gedenkstätte Buchenwald gerne für Ausstellungszwecke behalten hätte.Im Mai 2009 stirbt Leon Pilois. Er ist einer von den ganz wenigen 1500 Schönebecker KZ-Häftlingen, deren persönliche Geschichte aus dem Dunkel der deutschen Geschichte hervorgeholt wurde.