Liebe Leserinnen und Leser,

Sie kennen alle das Weihnachtslied: „Oh du fröhliche!“ In diesen Tagen und Wochen hören wir es an vielen Orten. So erklingt es beim Bummel über den Weihnachtsmarkt. Es erreicht uns beim Einkaufen in den großen Einkaufszentren oder als Melodie zu einem Werbespot. Allen soll es kundgemacht werden: Jetzt ist die fröhliche Weihnachtszeit! Die Werbeindustrie zeigt uns eine heile Welt auf. Fröhliche Menschen. Glückliche Familien. Tiefverschneite, romantisch anmutende Städte und Dörfer dienen als Kulisse für Foto und Film.

Und wenn in einem Weihnachtsfilm doch mal ein griesgrämiger Typ auftaucht, der alles andere als fröhlich ist, so ist dieser spätestens nach 85 von 90 Spielfilmminuten ein warmherziger Mitmensch, der Weihnachten erkannt hat und nun zu einem wohltätigen Mitmenschen seiner Zeit avanciert. Es ist einfach alles himmlisch und zauberhaft. Versorgt mit diesen Bildern tauchen wir ein in eine heile Welt. Vergessen ist der Alltagsstress. Verdrängt ist Krieg und Leid. Ausgeblendet ist das Flüchtlingsdrama. Von den Grausamkeiten des Terrorismus ganz zu schweigen.

Ist diese – zeitlich befristete – heile Welt, die Welt des fast 200 Jahren alten Liedtextes? Zu Weihnachten 1816 verfasste Johannes Daniel Falk in Weimar die noch heute gesungene erste Strophe:

Bilder

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

Drei Jahre zuvor musste er erleben, wie vier seiner sieben Kinder an Typhus starben. Der Napoleonischen Befreiungskrieg und die damit einhergehende Völkerschlacht bei Leipzig zeichneten in Mitteldeutschland ein grausames Bild aus Hunger, Elend und Seuchen. Das Lebensgefühl der Menschen war nicht Ausgelassenheit und Fröhlichkeit. Es war eher mit den Worten „Welt ging verloren“ zu beschreiben. In dieser Zeit richtete Johannes Daniel Falk ein Rettungshaus für verwahrloste Kinder ein, welchen er unter anderem diese Strophe dichtete.

Es war also keine heile Welt. Damals wie heute stellten sich Hunger, Leid und Krieg dem Glücklichsein von Menschen in den Weg. Somit bleibt über all die Jahre „O du fröhliche“ ein aktuelles Lied.

Trotzdem singe ich es mit Freuden, und ich denke auch mit einem strahlenden Gesicht! Das liegt daran, dass diese „verlorene Welt“ nicht so bleiben wird. Denn Christ ist geboren. Mit Weihnachten feiern wir, dass Gott eine neue Geschichte mit den Menschen beginnt. Jesus Christus ist uns geschenkt, damit er, wenn die Zeit erfüllt ist, diese grausame Welt überwindet und die Tränen der Leidenden abwischt. Das ist meine Zuversicht und Freude, die ich jedes Jahr Weihnachten bedenke und feiere.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Freude und Zuversicht auch spüren. Ich wünsche Ihnen eine fröhliche, gesegnete und besinnliche Weihnachtszeit.