Calbe l Nach starken Regenfällen in den Jahren 2010/2011 wurde das Grund- und Drängwasser zu einem akuten Problem für die Region. Die Flüsse drückten auf die Deiche und damit auf das Land dahinter. Von den Äckern und Wiesen floss Oberflächenwasser ab. Der ohnehin hoch stehende Grundwasserspiegel verschärfte die Situation. Die Nerven von Betroffenen lagen blank.

Dieses Schreckensszenario tauchte bei der Diskussion zu einem aktuellen Thema in den Ausschüssen plötzlich wieder auf. Den Mandatsträgern lag die Beschlussvorlage zum Entwurf einer Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Calbe vor. Darin wird die Planung für den Um- und Ausbau der Ortsdurchfahrt vom Kreisverkehr über die Salzer Straße, Barbyer Straße und Barbyer Chaussee bis hin zum Bahnübergang geregelt (Volksstimme berichtete). Wäre das nicht eine passende Gelegenheit, wieder eine Entwässerungslösung für das Wohngebiet hervorzuholen, zumal dafür sowieso tief in den Straßenuntergrund gegraben wird?

Kein natürliches Gefälle

Rückblick: Eine Einleitung des Oberflächen- und Drängwassers aus dem Calbenser Bereich in den von Schönebeck vorangetriebenen Abfanggraben war nicht so einfach möglich. Der Grund: Es gibt kein ausreichendes natürliches Gefälle für ein Grabensystem von Calbe nach Schönebeck. Daher setzte sich die Stadtverwaltung - damals unter Bürgermeister Dieter Tischmeyer - für die Prüfung einer eigenen ingenieurtechnische Lösung ein. Der Plan: Das Oberflächen- und Drängwasser soll in den Mühlgraben (als Vorfluter ) am östlichen Stadtrand geführt werden. Gleichzeitig soll eine Entflechtung des Drängwassers aus dem Mischwasserkanal erfolgen (Niederschlagswasser getrennt von Schmutzwasser), was derzeit nicht der Fall ist. In der Nähe des Mühlgrabens befindet sich ein Pumpwerk des Abwasserzweckverbandes (AZV) Saalemündung, welches das Schmutzwasser zum Klärwerk transportiert. Überschüssiges Niederschlagswasser wird zum Mühlgraben weitergeleitet.

Bürgermeister Sven Hause rückte bei der aktuellen Diskussion die Bau- und Planungskosten von knapp 3,3 Millionen für die avisierte Sanierung von Salzer und Barbyer Straße in den Mittelpunkt. Der städtische Anteil liegt bei knapp 1,3 Millionen Euro. „Diese Maßnahme ist getrennt von Abwasseranlagen und der Errichtung eines mannshohen, verrohrten Grabens zu betrachten, der neben den eigentlichen Abwasseranlagen geschaffen werden müsste“, erklärte Hause, der sich nach Amtsantritt zusammen mit dem AZV dieses Themas weiter annahm. Für diesen Graben würden je nach Variante (s. Infokasten) zusätzliche Kosten auf die Stadt zukommen. Dabei sei noch nicht einmal der ebenfalls vom Drängwasser bedrohte Bereich vom Solgraben bis Kreisverkehr Magdeburger Straße berücksichtigt.

Hoher Eigenanteil für Eigentümer

„Das ist Geld in einer Größenordnung, das die Stadt derzeit und in den nächsten Jahren nicht aufbringen kann“, sagte Hause im Hauptausschuss. Zudem sei die Situation am Hänsgenhoch vor fünf Jahren eine „Ausnahmeerscheinung“ gewesen, die so zuvor nachweislich noch nicht aufgetreten sei. Er verwies in diesem Zusammenhang auf den Entwurf einer Vernässungs-Richtlinie des Landes über die Gewährung von Zuwendungen aus Mitteln des Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Dabei gebe es aber einerseits keinen Anspruch auf Gewährung. Andererseits müsste die Stadt eine finanzielle Beteiligung der bevorteilten Flächen- und Grundstückseigentümer prüfen lassen. „Diese Kosten könnten unter Umständen teils beachtlich sein“, so Hause.

„Wir hatten den betroffenen Bürgern damals Hoffnung auf eine Lösung gemacht“, merkte Frank Wilhelm (CDU/FDP) an. „Ist die Entwässerunglösung für Hänsgenhoch damit nun gestorben?“, fragte Uwe Klamm (ALC/SPD).

Um alle Beteiligten mit zusätzlichen Informationen ausstatten zu können, führt der Bürgermeister diesen Freitag ein zusätzliches Gespräch mit dem Ingenieurbüro, welches die umfangreiche Vernässungsstudie und etwaige Lösungsvarianten für die betroffenen Gebiete erarbeitet hatte. Die dabei entstandenen Ergebnisse wurden bereits vor Monaten in den Gremien des Stadtrates und des AZV ausführlich erläutert und zur individuellen Vertiefung digital übergeben. „Dennoch sollen die erlangten Erkenntnisse für die aktuellen Beratungen und Entscheidungen nochmals detailliert werden“, kündigte Hause mit Blick auf die nächste Stadtratssitzung am 3. Mai, 18 Uhr im Schillergymnasium an.

Es sei angesichts der Fakten nun eine klassische Frage der Abwägung, die der Stadtrat zusammen mit der Verwaltung zu treffen habe, sagte Hause. Die Frage lautet daher: Eine Lösung um welchen Preis?

Kostenschätzungen

• Variante 1:  Ableitung des Grabenwassers Hänsgenhoch  bis Mühlgraben. Kosten rund  1,68 Millionen Euro zzgl. Planungskosten und künftige jährlicher Unterhaltung in Höhe von 113 000 Euro (daraus folgt: mindestens 590 000 Euro Anteil Stadt zzgl. Planungskosten).

• Variante 2: Ableitung des Grabenwassers Hänsgenhoch zzgl. Regenwasser aus  Mischgebieten bis Mühlgraben: Rund 2,79 Millionen Euro zzgl. Planungskosten und künftige jährliche Unterhaltung in Höhe von 153 000 Euro (daraus folgt: mindestens 980 000 Euro städtischer Anteil zzgl. Planungskosten).

• Variante 3: Ableitung des Grabenwassers Hänsgenhoch bis Mühlgraben, ohne Dükerungen: 
Rund 2,34 Millionen Euro zzgl. Planungskosten und jährliche Unterhaltung in Höhe von 125 000 Euro (daraus folgt: mindestens 820 000 Euro städtischer Anteil zzgl. Planungskosten)
  
• Variante 4: Ableitung des Grabenwassers von Hänsgenhoch bis Gelände Pumpwerk, neues Pumpwerk für Regenwasser nötig, 1,67 Millionen Euro zzgl. Planungskosten und jährlicher Unterhaltung in Höhe von 119 000 Euro (mindestens 590 000 Euro städtischer Anteil zzgl. Planungskosten)