Calbe l Axel Karlstedt ist neben seiner Funktion als Vorsitzender der Calbenser Jagdgenossenschaft zusätzlich passionierter Jäger. Angst, der Wolf stehe mit ihm in Nahrungskonkurrenz, hat er keine. An seiner Meinung in punkto Wolf und dessen Ansiedlung in hiesigen Breiten ändert das allerdings nichts. „Der Wolf gehört nicht in unsere Kulturlandschaft - und dazu stehe ich auch“, bekräftigt der Saalestädter. Bundesweit wird das Thema „Wolf“ immer wieder emotional debattiert.

In eine Ecke drängen lassen - das will Karlstedt nicht. Eigene Erfahrungen und der Blick in Nachbarländer wie Frankreich und Schweden nähren ihn mit Argumenten. Als Hauptgrund führt Karlstedt die zu hohe Besiedlungsdichte der Region an. Zu dicht, damit sich der Wolf „entfalten“ könne. Kreisjägermeister Jens Hennicke pflichtet der Begründung bei und untermauert mit Zahlenmaterial.

2008 der erste Wolf

Seitdem 2008 der erste Wolf im Bundesland wieder gesichtet wurde, gingen offizielle Zahlen inzwischen von einer Wolfspopulation von rund 600 Tieren aus. Allein in Deutschland. In Schweden - flächenmäßig um 100.000 Quadratkilometer größer - sei die Wolfspopulation nur halb so groß. Für erhitzte Gemüter sorgt jedoch vor allem der Fakt, dass in Schweden laut Hennicke 22 Menschen pro Quadratkilometer wohnen; es in Deutschland allerdings 230 Einwohner je Quadratkilometer sind.

Den Kreisjägermeister führt das nur zu einer - für ihn logischen - Schlussfolgerung: „Hier läuft gerade eine Menge schief in unserem Land!“ Denn durch die dichtere Besiedlung hierzulande seien verstärkte Begegnungen und Konfrontationen mit dem Wildtier vorprogrammiert. Unverständlich für den Calbenser das Hinterherhinken Deutschlands. Denn in Schweden ist ein jährlicher Wolfsabschuss in Höhe von zehn Prozent genehmigt. Selbst Frankreich beschloss, Wölfe ebenfalls zu bejagen. Vor sechs Jahren hatten freilebende Wölfe 5000 Schafe gerissen.

Für Quotenregelung

Daher fordert der Kreisjägermeister die Landesregierung auf, „schnellstens zu prüfen, ob in Sachsen-Anhalt möglich ist, was in Schweden und Frankreich funktioniert“, erwartet Jens Hennicke. Gemeint ist der kontrollierte Abschuss. Eine Quotenregelung. Sie sei nach Empfinden Hennickes schon heute möglich. „Am Ende muss man es nur wollen“, spielt der Calbenser Jäger den Ball zurück an die politischen Funktionsträger.

Ohnehin macht er keinen Hehl daraus, dass er den strengen Schutz für ein Wildtier, das in der Region keine natürlichen Feinde habe, nicht nachvollziehbar findet - genauso wie passives Zuschauen, wie das Muffelwild durch die Wölfe immer weiter dezimiert werde.

Wölfe, ja, aber in Maßen und dort, wo sie genügend Terrain haben. Diese Schutzgebiete sieht Jens Hennicke beispielsweise auf Truppenübungsplätzen, in Nationalparks und Kernzonen von Naturschutzgebieten als gegeben.

Als Jäger warnen sie derzeit vor den Folgen einer starken und unkontrollierten Ausbreitung des Wolfes. Die Befürchtung: Letzten Endes werden die Jäger diejenigen sein, die gerufen werden, um das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen (und damit auch die Artenvielfalt zu sichern). Ein Schutzzaun oder eine Entschädigung an Landwirte und Weidetierhalter und selbst der - nach derzeit geltendem Recht - mögliche Abschuss bei verhaltensauffälligen Tieren reicht laut Hennicke längst nicht aus.

Die Jagdgenossenschaft Calbe bietet laut Karlstedt etwa 20 Jägern ungefähr 3000 bejagbare Fläche. Auch er sieht in der letzten Zeit gehäuft Wölfe. Sein persönlich prägendstes Erlebnis: Ein Wolf in etwa 15 Metern Entfernung zu Karlstedt.

Mulmiges Gefühl

Ein nach eigenen Formulierungen „mulmiges Gefühl vom Auto zum Hochsitz und wieder zurück“ begleitet derzeit den Kreisjägermeister nach der Begegnung des Wildtieres bei einer seiner Jagden im Pechauer Raum vor Magdeburgs Toren. „Dort war er Luftlinie vielleicht 300 Meter vom Sportplatz entfernt“, zeigt sich Hennicke erschrocken darüber, dass sich scheinbar die Distanz zwischen dem frei lebenden Tier und urbanen Gebieten immer weiter verringert. Angst, zum Beispiel um seinen Jagdhund. Spätestens seit 2017 in Brandenburg nachweislich ein Jagdhund durch einen Wolf getötet wurde, sind die Reaktionen alles andere als Panikmache.

Die bewaldeten Flächen um Calbe herum bieten für das Wildtier wenig. Sie dienen zumeist als Durchzugsgebiet. Langfristige Aufenthalte kämen daher weniger vor.

Wolf auf dem Wartenberg

„Er kann sich aber durchaus zwei Tage in der Region aufhalten, um zum Beispiel ein Reh zu jagen“, erzählt Hennicke und erinnert sich, dass in der Vergangenheit unter anderem auf dem Calbenser Wartenberg Wölfe gesichtet worden sind. Nicht weit von der Saalestadt entfernt, liegen Gnadau beziehungsweise Klein- und Großmühlingen. Auch hier wurden die Wildtiere beobachtet.

Im Bereich Ranies über Plötzky bis nach Vogelsang seien laut Kreisjägermeister regelmäßig vier bis fünf Wölfe gesichtet worden. Die Schlussfolgerung daher: „Man kann annehmen, dass sich dort ein Rudel aufhält“. Nach seinen Informationen sollen in ganz Sachsen-Anhalt mindestens zwölf Wolfsrudel und ein Paar unterwegs sein. Darüber hinaus etliche Einzelgängertiere. Vielleicht 27 bis 30 geschlechtsreife Tiere könnten in Sachsen-Anhalt heimisch sein.

Argumente

Seine Argumente hat Hennicke gestern bei einem „Wolfsforum“ in Wittenberg kundgetan. Was Axel Karlstedt als Frage „Muss erst etwas passieren, bevor gehandelt wird?“ formuliert, drückt Jäger Hennicke mit ruhiger Stimme in einer Prophezeihung aus: „Es dauert nicht mehr lange - dann wird der Hilferuf derer kommen, die den Wolf in der von mir genannten Größenordnung in unserem Land haben wollten“. Der Wolf ist da - man müsse mit ihm leben - aber die „Wolfsromantik“ verblasse.

Jenny Schwarz, Pressesprecherin des Landesministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Energie verweist darauf, dass im Altkreis Schönebeck bisher keine Wolfsansiedlungen bekannt seien. Laut Behörde gebe es die nächsten bestätigten Ansiedlungen in Möckern und Altengrabow im Jeriower Land. Hier hielten sich Rudel auf.

Die Wahrscheinlichkeit von Wolfsangriffen auf Menschen sei zwar nicht Null, allerdings konnten laut Pressestelle keinerlei Nachweise über aggressives Verhalten der Tiere gegenüber Menschen festgestellt werden. Zumindest nicht, seit sich die ersten Exemplare vor knapp 20 Jahren wieder in Deutschland angesiedelt haben, so Schwarz.

Befürchtungen über die Sichtungen der prinzipiell dämmerungs- und nachtaktiven Wölfe auch tagsüber seien im ersten Moment nachvollziehbar, aber unbegründet. Wichtig bei einer Sichtung sei die Meldung an das Wolfskompetenzzentrum. Dadurch sollen ein Überblick über die Wolfsaktivität geschaffen und eventuell neue, territoriale Vorkommen festgestellt werden. Das Zentrum ist unter der Rufnummer (03 93 90) 64 82 zu erreichen.