Schönebeck/Staßfurt l Heiligabend. Schneeflocken tanzen vom Himmel. Im Wohnzimmer steht der festlich geschmückte Weihnachtsbaum. Der Familienchor stimmt „Oh du Fröhliche“ an. Die kleinen Kinder hippeln hin und her. Wann kommt er denn nun, der Weihnachtsmann, und mit ihm die Geschenke? Es pocht am Fenster. Alle zucken zusammen. Während die Eltern in sich hineinschmunzeln, sind die Kinder aufgeregt. Gibt es Geschenke – oder droht er mit der Rute? Was weiß der Weihnachtsmann alles? Wirklich alles? ...

So oder so ähnlich geht es an Heiligabend wohl in vielen Familien mit kleinen Kindern zu.

Wohl dem, der einen Weihnachtsmann kennt. Oder jemanden kennt, der einen kennt. „Sie sind mittlerweile rar gesät, wie Goldstaub“, sagt Heike Wunschik. Die Sprecherin der Agentur für Arbeit Bernburg kann davon ein Lied singen. Die Agentur hat den Weihnachtsmann-Service eingestellt. Nicht, weil es keine Nachfrage gab. Ganz im Gegenteil. Weil es keine Weihnachtsmänner und -frauen gibt, die sich über die Arbeitsagentur vermitteln lassen.

Zusätzlicher Service

Woran es liegt? Sie zuckt mit den Schultern. Da es nicht die ureigenste Aufgabe der Arbeitsagentur ist, den Bärtigen zu vermitteln, gebe es dazu auch keine Statistik, keine Nachforschungen zur Entwicklung. Es sei immer nur ein zusätzlicher Service gewesen. Nun werde er anscheinend nicht mehr benötigt, die Mund-zu-Mund-Propaganda reiche aus. „Ein guter Weihnachsmann wird Heiligabend schon für das kommende Jahr gebucht. Da braucht es uns wohl nicht mehr“, schätzt sie ein.

Dabei waren die Zeiten auch mal anders. Bis 2013/2014 mit Gründung der Arbeitsagentur Bernburg seien pro Geschäftsstelle regelmäßig zwei, drei Weihnachtsmänner im Angebot gewesen, hat eine Befragung der Kolleginnen durch Heike Wunschik ergeben. Und – Achtung – eine Zeit lang gab es sogar eine Weihnachtsfrau. Eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur.

Keine Meldungen mehr

Alles lief. Die Weihnachtsmänner meldeten sich Jahr für Jahr rechtzeitig in ihren Geschäftsstellen an, hatten mittlerweile einen festen Kundenstamm. „Im September ist immer das ,Weihnachtsmannbüro‘ bei uns geöffnet worden, damit diejenigen, die in die Rolle schlüpfen wollten, einen Ansprechpartner haben. Eine entsprechende Info, dass wir diese Vermittlung wieder anbieten, ist auch auf unserer Internetseite veröffentlicht worden“, erinnert sich Heike Wunschik. Ein Extra, zu dem keine Agentur verpflichtet sei, den man aber gern angeboten habe.

Dann der Einbruch. Es haben sich einfach keine Weihnachtsmänner zum Vermitteln mehr gemeldet. „Man mag es kaum glauben, aber auch in diesen Bereich wirkt sich die wesentliche Verbesserung des Arbeitsmarktes aus“, so die Arbeitsagentur-Sprecherin. „Wenn viele Menschen arbeitslos und finanziell nicht gut gestellt sind, dann war die Überlegung doch eher bei einigen, ob man am Heiligabend gutes Geld verdienen möchte.“

Sie hat aufgrund der Volksstimme-Anfrage einmal im Netz recherchiert: Professionelle Weihnachtsmannvermittlungen würden ab 50 Euro nehmen, mit Weihnachtsengel seien locker mal 180 Euro fällig für gut eine halbe bis dreiviertel Stunde Bescherung.

Agentur ist nur Vermittler

Die über die Arbeitsagentur Vermittelten hätten zwischen 25 und 50 Euro verlangt, je Aufwand und Vorbereitungszeit. „Ein völlig angemessener Preis, finde ich. Immerhin muss er ja vorher schon Zeit aufbringen und sich informieren, wer beschenkt wird und worauf er vielleicht die Kinder ansprechen sollte“, sagt Heike Wunschik und betont: „Doch den Preis handeln die ,Vertragspartner‘, also die Familie und der Weihnachtsmann, alleine aus. Da sind wir außen vor. Wir sind nur der Vermittler.“

Allgemein habe man aber die Erfahrung gemacht, dass es dem „Bärtigen auf Zeit“ nicht darum gehe, an Heiligabend das große Geld zu machen. Da sei der Rentner gewesen, der es geliebt hat, die Freude in den Kinderaugen zu sehen, aber auch der Student, der seine klammen Finanzen etwas aufbessern wollte.

Aber wie bei jedem Job, bei jeder Aufgabe müsse man für diese Tätigkeit brennen, so Heike Wunschik. Nur dann könne man als Weihnachtsmann überzeugen. Und darauf habe auch die Arbeitagentur geachtet. Kurzum: „Wenn Sie so wollen, hat auch ein Weihnachtsmann ein Tätigkeits- und Kompetenzprofil“, sagt sie. Die Tätigkeit sei, dass er an Heiligabend Geschenke verteilt. An Kompetenzen werde etwas mehr verlangt, zählt Heike Wunschik auf: Er brauche Empathie, natürlich ein freundliches Wesen und er sollte auf die Bescherung vorbereitet sein. Im besten Fall mit einem Spickzettel über die zu Beschenkenden. Er müsse sich mit Weihnachten auskennen, Gedichte und Lieder können. „Und wenn ich an meine Enkel denke: Er sollte auch nicht zum Fürchten sein.“

Neuerlicher Versuch

Und weil dieser Service dann doch irgendwie eine Herzensangelegenheit war, hat die Arbeitsagentur Bernburg ihn im vergangenen Jahr noch einmal aufleben lassen. „Immerhin ist der Weihnachtsmann an Heiligabend das Salz in der Suppe“, rechtfertigt Heike Wunschik den neuerlichen Versuch. Doch die Resonanz war zu einseitig. Es gab Nachfragen von zehn Familien aus dem Salzlandkreis – aber nur ein Bernburger hatte seine Weihnachtsmann-Dienste angeboten. Das bedeutet das Aus für diese „Vermittlungsoffensive“.

Irgendwie kann Heike Wunschik auch verstehen, wenn die Weihnachtsmänner über Mundpropaganda in die Familien kommen. „Bei uns ist mein Onkel der Weihnachtsmann gewesen. Er kannte sich in der Familie aus.“

Über persönliche Empfehlungen sind zum Beispiel auch Thomas Augustin aus Schönebeck und Rene Honscha aus Rathmannsdorf zu ihren „Auftraggebern“ gekommen. Deshalb ist für beide die Vermittlung über die Arbeitsagentur nie ein Thema gewesen.

Als Weihnachtsmann unterwegs

Etwa 14 Jahre lang ist Thomas Augustin an Heiligabend als der Bärtige unterwegs gewesen. „Das hat sich so ergeben. Meine geschiedene Frau hat im Kindergarten gearbeitet. Da habe ich einmal den Weihnachtsmann gespielt, die Eltern waren begeistert und haben angefragt, ob ich Heiligabend auch zu ihnen nach Hause kommen könnte“, erzählt er. Es habe Jahre gegeben, da sei er bei zehn Familien gewesen. Die erste Bescherung war bereits am frühen Nachmittag, sonst hätte er gar nicht alle geschafft. Immer eine Familie in Barby, die anderen in Schönebeck. Sein persönlicher Heiligabend begann dann gegen 20 Uhr. Heute ist das anders.

Heute spielt er nur noch bei seinen Enkeln – drei und vier Jahre alt – den Weihnachtsmann und in ihrer Kita.

Und – nicht zu vergessen – auf der Kinderstation im Krankenhaus Schönebeck. „Das lasse ich mir nicht entgehen“, sagt Thomas Augustin in Vorfreude auf seinen diesjährigen Einsatz.

Ganz so viel wie vor einigen Jahren sei es nicht mehr, meint Rene Honscha. Da sei er Heiligabend gut unterwegs gewesen: Staßfurt, Güsten, Amesdorf und natürlich sein Heimatort. In Rathmannsdorf wird er auch dieses Jahr mit einem Sack voller Geschenke sein – bei einer Familie in der Nachbarschaft. „Ich bin vor einigen Jahren mal gefragt worden, ob ich es machen würde. Ich habe mir ein Kostüm zugelegt und dann ging es los. Meist bin ich gegen 16 Uhr gestartet und war gegen 18, 19 Uhr wieder zurück“, erzählt er. „Warum ich es mache? Natürlich aus Spaß an der Freude.“