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HeimatgeschichteAls in Schönebeck noch Kaiserbier gebraut wurde

Persönlichkeiten aus der Heimat: Täglich kommen wir an Straßennamen und Wohnhäusern vorbei, doch wissen wir wirklich, um wen es hier geht? Eine Volksstimme-Serie.

Von Alina Bach 05.12.2023, 10:30
Die Kaiserbrauerei der Allendorff-Geschwister stand ursprünglich auf dem großen Gelände am Hummelberg.
Die Kaiserbrauerei der Allendorff-Geschwister stand ursprünglich auf dem großen Gelände am Hummelberg. Foto: Archiv Salzlandmuseum

Schönebeck/VS. - Wer heute am Hummelberg unweit der Magdeburger Straße entlanggeht, mag kaum vermuten, was hier noch vor knapp 30 Jahren hergestellt wurde: Das Schönebecker Kaiserbier. Doch die Geschichte des Getränks beginnt schon viel früher, wie Recherchen aus dem Stadtarchiv zeigen. Bereits 1810 gründet Ludwig August Wilhelm Allendorff eine Brauerei in Schönebeck. In nur wenigen Jahren kann er dank der napoleonischen Gewerbefreiheit die gesamte Konkurrenz der Gegend ausstechen und so führen die Söhne Wilhelm und August Allendorff die Brauerei in Familientradition fort. Das Imperium der Familie wird sich von hier an noch weiter ausbreiten und zu einer der bedeutendsten Dynastien der damaligen Provinz Sachsen heranwachsen.

Auf dem Weg zur Dynastie

Spätestens als die Brüder Otto Moritz und Paul Allendorff die Brauerei 60 Jahre nach der Gründung übernehmen, ist klar: Die Allendorff-Geschwister haben Großes vor. Als erstes muss ein neuer Standort her. Auf einem Gelände am Hummelberg wird in nur zwei Jahren die neue Brauerei gebaut, die den einprägsamen Namen „Kaiserbrauerei“ tragen sollte. Der Anlass zur Namensgebung war ebenso kaiserlich, denn 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet. Das Kaiserbier aus Schönebeck erfreut sich schon nach kurzer Zeit großer Beliebtheit und wird auch im Kristallpalast in Magdeburg ausgeschenkt. Den Allendorff-Brüdern genügt der Betrieb der Brauerei allein jedoch nicht. Eine Dampfziegelei und eine Zichorienfabrik kommen dazu. Nebenher betreiben die Brüder einige Zuckerfabriken in Groß Salze, Gottesgnaden, Groß Paschleben und Klepzig bei Köthen.

Die Vielseitigkeit der Unternehmenskünste der Allendorffs kennt keine Grenzen. 1893 wird in ihrem Namen eine Kinderbewahranstalt in Groß Salze eingerichtet. Doch damit noch immer nicht genug. Ende des 19. Jahrhunderts fügt sich ein Gutshof in der Magdeburger Straße in die Reihe der Wirtschaftszweige der Familie Allendorff ein. Nur wenige Jahre später gründen die Brüder eine Sprengstoff- und Patronenfabrik unter dem Namen August & Wilhelm Allendorff.

Den Erfolg wissen die Brüder zu teilen. Bis 1905 gehören ihnen mehrere Stiftungen mit insgesamt 500.000 Reichsmark. Waisenhäusern in Schönebeck und Groß Salze, der Kinderbewahranstalt, der Kaiserin-Augusta-Heilanstalt und den Kirchen der Region kommt das Geld zu Gute. Aufgrund der Inflation im Jahr 1923 geht den Stiftungen jedoch viel Geld verloren, bevor es 1946 endgültig zur Enteignung kommt.

Kaiserbier wurde in zahlreichen Gasthäusern ausgeschenkt.
Kaiserbier wurde in zahlreichen Gasthäusern ausgeschenkt.
Foto: Archiv Meinhard

Das Ende einer Ära

Obwohl das Familienunternehmen Allendorff bis ins 20. Jahrhundert hinein stetig weiter wächst und an Bedeutung für den Landkreis Calbe gewinnt, kommt es nach dem Tod Ottos 1912 zu einer Wende. Zwar führt der Sohn Otto Augustin Wilhelm Allendorff das Familienunternehmen weiter, familiäre Probleme, Wirtschaftskrise und unternehmerische Fehlschläge beenden jedoch die Weiterentwicklung. Das gesamte Unternehmen wird auf die Schönebecker Betriebsteile der Brauerei, Ziegelei und Landwirtschaft reduziert, bis die Familie 1945 schlussendlich enteignet wird.

Das beliebte Kaiserbier der Ursprungsbrauerei wurde jedoch bis 1995 produziert. Heute erinnern nur noch wenige Ausstellungsstücke im Salzlandmuseum an die einstige Familiendynastie der Geschwister Allendorff in Schönebeck.