Barby l „Augen auf bei der Berufswahl“, witzelt Katharina Bäthge vom Förderverein für Naturkunde und Geschichte. Die junge Archäologin hockt in einer geöffneten Gruft bis zu den Knöcheln im trockenen Bauschutt. Zwar hatten die Baufachleute aus Quedlinburg vorsichtig die Gewölbedecke aufgestemmt - dennoch fielen Mörtel- und Steinreste in die Kammer mit dem Skelett. „Ich denke mal, das ist eine Frau“, mutmaßt die Archäologin. Schädel und Beckenknochen würden das andeuten. Ihre Aufgabe ist es nun, mit großer Sorgfalt und noch größerer Geduld den Schutt eimerweise aus der Gruft zu schaffen. Zart besaitet darf man bei dem Job in der engen Kammer nicht sein. Auch ein bisschen muffig riecht es darin.

In der Nähe untersucht Katharinas Kollege den Aufbau des Fußbodens. Auch hier kommt Spannendes zutage. Etwa 40 Zentimeter unter dem jetzigen Niveau lassen gebrannte Ziegel ein Uraltfußboden erahnen. Stammt er von einem Vorgängerbau der Marienkirche? Sie wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gebaut; Barby 961 urkundlich erwähnt. Mit Sicherheit gab es an der höchsten Stelle der Stadt schon mal ein Gotteshaus. Der Archäologe sammelt in Plastikbeuteln Erd- und Schuttproben ein. In ein paar Monaten wird man mehr wissen.

Mutter und Tochter im Grab

Plötzlich ruft Katharina Bäthge: „Kommen Sie mal her, hier liegt noch ein Kind drin.“ Auf Kniehöhe des erwachsenen Individuums findet sich ein Kinderskelett. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Mutter mit ihrem Kind handelt. Beide müssen zum selben Zeitpunkt verstorben sein, denn die Gruft zeigt keine Spuren einer Zweitöffnung.

Bilder

Wer war die Frau? Wer sich in einer Kirche beisetzen lassen konnte, war höher gestellt. Die Antwort gibt vielleicht ein Epitaph. Der meisterlich gestaltete Stein zeigt an der Nordwand der Kirche eine junge Frau mit betenden Händen, langen Haaren und einer Blumenkrone auf dem Kopf. Laut Inschrift ist es die erste Ehefrau des gräflichen Kanzlers Paul Grünewald. Sie heißt Martha Marie, die zusammen mit ihrer Tochter Elisabeth in St. Marien beigesetzt wurde. Weil Grünewald wieder heiratete und 1626 starb, ist der Stein älter. Die Jahreszahl ist unleserlich.

Die genaue zeitliche Einordnung wird erst die anthropologische Untersuchung der Skelette erbringen. Dazu nehmen die Archäologen kleine Knochen mit.

Ein großes Rätsel dieser Grabung sind ein Schädel und verschiedene andere Menschenknochen, die außerhalb der geöffneten Grüfte gefunden wurden. Auch sie sollen noch zeitlich bestimmt werden. Es gibt jedenfalls eine Reihe spannender Fragen, deren Beantwortung für die Barbyer Ortsgeschichte nicht unwichtig sein dürfte.