Calbe l Der rote Teppich vom Rathaus bis zur Bühne ist ausgelegt. Kaiserwetter hat sich zur Krönung der Zwiebelhoheiten angebahnt. Die Atmosphäre ist von spürbarer Neugier auf die neue Bollenprinzessin und die zur Königin umgekrönte Prinzessin gespannt. Wer aber damit gerechnet hat, dass das bisherige Zeremoniell in Sachen Krönung beibehalten wird, wird eines besseren belehrt. Königin bleibt Kerstin Merkel. Der Blondschopf aus Gottesgnaden tritt seit dem Wochenende die zweite Amtszeit als Bollenkönigin an. Nicht das Kleid, dafür aber neue Krone und Scherpe überreicht ihr Bürgermeister Sven Hause feierlich.

Normalerweise wäre Merkel als 16. Königin abgekrönt worden, während die Prinzessin Josephine Würffel in das hoheitliche Königinnenamt berufen worden wäre. So aber findet eine Premiere statt: In Sachen Regentschaft bleibt‘s (fast) beim Alten. Auf Merkels Scherpe ist sie nun als 17. Bollenkönigin ausgewiesen. Josephine Würffel - bisher zehnte Bollenprinzessin - tritt mit einem lachenden und weinenden Auge zugleich ebenfalls ihr zweites Amtsjahr als Prinzessin an. Lachend, weil es eine große Ehre sei, neue Regionen kennenzulernen und Freundschaften mit den neuen hoheitlichen Häuptern entstünden. Weinend, weil die Zukunft der Bollentradition ungewiss scheint.

Erst im vergangenen Jahr war mit der ursprünglich festgelegten Krönungszeremonie gebrochen und eine Ausnahme eingeführt worden: Josephine Würffel konnte als ehemalige Königin erneut den Prinzessinnenstatus einnehmen. Hintergrund des neuen Prozederes war ein Bewerbermangel für‘s Hoheitenamt, der sich in diesem Jahr fortsetzt. „Es hat sich leider keiner gemeldet“, macht es Dagmar Linke vom organisierenden Calbenser Bollenverein kurz. Dabei ist das Amt einer zwiebeligen Tollität vielseitig. „Ich dachte, ich bin die Oma unter den Hoheiten, aber ich wurde ganz herzlich von allen aufgenommen“, meint Kerstin I. nach ihrer erneuten Krönung. Ihr Amt habe sie in den letzten zwei Jahren zu mehr als 50 Auftritten geführt. Der weiteste ging zum Rapsblütenfest auf Deutschlands drittgrößte Insel, Fehmarn. Mehr als 10.000 Kilometer hat Merkel dabei zurückgelegt - und Erlebnisse erhalten, die einer Erinnerung wert sind.

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„Würdest du es wieder machen?“, fragt Sven Hause die Mutter. Sie bejaht mit eheähnlicher Ambition. Ein „Ja, ich will“ entweicht der Kehle. Genauso wie Josephine Würffel. Zwei Ja-Worte für die Bollentradition.

400-jährige Geschichte

Calbe blickt auf eine über 400-jährige Geschichte im Zwiebelanbau. Das Bollenfest soll an diese Historie erinnern und nicht zugrunde gehen, weil es an Königskandidaten fehlt. Dass das Hoheitenamt ein gleichsam anstrengendes wie schönes sein kann - darüber berichten alle der anwesenden rund zehn Majestäten.

Anja Würffel - als „Chefin“ ist sie ein maßgebliches „Gesicht“ des Bollenvereins - wird von ihrer Tochter Josephine gesondert auf die Bühne gerufen. „Ich liebe dich“, meint die junge Frau und übergibt der Mama einen Blumenstrauß. Eine Geste der Dankbarkeit für den steten Kraftaufwand, den diese und auch das Bollen-Team regelmäßig in die Organisation des Festes mit Unterstützung der Stadt und zahlreicher Helfer stecken.

„Nach dem Fest müssen wir uns trotzdem an einen Tisch setzen“, meint Kerstin Merkel ernst. Ihr Wunsch: Dass sich im nächsten Jahr wieder Kandidaten für das Prinzessinnenamt finden. Bei der Sitzung solle auch diskutiert werden, ob das Fest vielleicht alle zwei Jahre durchgeführt werde, ob die Amtszeiten unter Umständen verlängert werden ... Schon in diesem Jahr gab es Einschnitte: So fand etwa der Bollenlauf nicht statt, weil sich laut Merkel keiner gefunden habe. Und auch das Kita-Programm fiel wegen einer Absage ins Wasser. Aber: Jeder Festbesucher hat gesehen, dass sich die Beteiligten allesamt viel Mühe geben. Genauso würdigt es Landrat Markus Bauer. „Mich treibt die Region hierher. Solche Veranstaltungen dienen als Anker“, so Bauer.