Marie Gerda

Breitenhagener Elbkahn soll Swingerclub werden

Der Binnenkahn „Marie Gerda“ aus Breitenhagen soll verkauft werden. In Antwerpen soll der Kahn zum Swingerclub werden.

Von Thomas Linßner
Daumen hoch bei den Besitzern, Daumen runter für den Tourimus im Elbe-Saale-Winkel. Die „Marie Gerda“ und ihr gut gelauntes Team beim Warten auf den Schiffsmakler aus Bremen. Von  links: Melanie Müller, Joachim Nöske, Eva und Volker Vodel.
Daumen hoch bei den Besitzern, Daumen runter für den Tourimus im Elbe-Saale-Winkel. Die „Marie Gerda“ und ihr gut gelauntes Team beim Warten auf den Schiffsmakler aus Bremen. Von links: Melanie Müller, Joachim Nöske, Eva und Volker Vodel. Foto: Thomas Linßner

Breitenhagen - „Der wird nach Antwerpen geschleppt und zum Swingerclub umgebaut“, sagt Gastronom Joachim Nöske (69) ohne jegliche Verlegenheit, während er auf den Schiffsmakler wartet, der aus Bremen kommen soll. Nöske ist Geschäftsmann, Chef der Mitteldeutschen Camping- und Gastro GmbH und war in den 90er Jahren im Leipziger Rotlichtmilieu unterwegs. Und er kann mit seiner kumpelhaften Art Menschen für sich gewinnen.

Schlagzeilen machte er erst vor wenigen Monaten, als er ein Nacktrodeln in Oberwiesenthal auf die Beine stellte und sich dabei medial recht wirksam mit dem dortigen Bürgermeister anlegte.

Wenn Joachim Nöske von dem bevorstehenden Verkauf spricht, klingt das so, als würde ein Züchter seinen Kaninchenstall im Generalanzeiger anbieten. Alles vollkommen normal, kein großes Ding. Doch unter seiner Oberfläche brodelt es.

Termin in Breitenhagen mit Schiffsmakler

Beim Breitenhagen-Termin hat der gebürtige Sachse auch Melanie Müller und die attraktive Eva aus Tschechien an seiner Seite. Melanie „Melli“ Müller, die ein Domizil am Großen Schachtsee in Wolmirsleben hat, kennt man als Darstellerin in Reality-TV-Shows oder aus der Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“. Eva dagegen ist unbekannt. Sie soll den Swingerclub in Antwerpen leiten. In der Szene sind Nachnamen überflüssig – deswegen nur Eva.

Während Nöskes Hausmeister Volker Vodel noch den Schlüssel für die Terrassentür sucht, inspizieren die beiden Frauen das Innere der „Marie Gerda“. Hier steht noch museales und gastronomisches Mobiliar der Vorgänger. „Ja, passt alles. Es ist genügend Platz, um Kabinen einbauen zu lassen“, nickt Eva. Nöske ist zufrieden. „Das geht mich dann alles nichts mehr an“, sagt er und verweist auf den Käufer, der aus Brasilien stammen soll und Rodríguez heißt. Allein für die Demontage, die Vorbereitung, den Kahn flusstauglich zu machen und mit mächtigen Mobilkränen von den Metallstützen zu heben, seien „rund 100.000 Euro“ eingeplant. Über den Verkaufspreis schweigt sich Joachim Nöske freilich aus.

Marie Gerade lohne sich nicht mehr

Für den gebürtigen Sachsen scheint es das normalste Ding der Welt zu sein, so eine riesige Klamotte zu verkaufen.

Aber warum tut er das überhaupt? War doch die „Marie Gerda“ der Stolz des ehemaligen Schifferdorfes Breitenhagen, wo man sich in einer Außenstelle des Barbyer Standesamtes das Ja-Wort gab, wo wechselnde Ausstellungen im Schiffsmuseum stattfanden, wo gefeiert wurde, bis die Wasserschutzpolizei kam. „Ich bin Geschäftsmann“, winkt Nöske ab, „das lohnt sich nicht mehr.“ Wofür er klar einen Schuldigen hat: die Verwaltung der Stadt Barby, die ihm das Schiff vor Jahren verkaufte. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil jeder Ort der Einheitsgemeinde nur ein kommunales Objekt betreiben darf. Der Betriebskosten wegen.

Nöske verpachtete daraufhin den Kahn an einen Gastronomen. Der war auf einen regelmäßigen Fährbetrieb und die Schiffsanleger angewiesen.

Und genau das ist der springende Punkt: Die Fähre pendelt unregelmäßig, die beiden Anleger sind weg.

Bewirtschaftung nicht möglich

„Sie haben uns mit dem Verkauf der Schiffsanleger die Möglichkeit eines guten wirtschaftlichen Arbeitens der Gastronomie auf dem Schiff endgültig entzogen“, heißt es in einer Mail vom 8. Juni 2021. Damit sei den Wassersportlern und Gästen, die von der Elbe her einkehren möchten, jegliche Möglichkeit des Anlegens verwehrt. „Auch die nur mäßigen Fahrzeiten der Fähre wirken entgegen einer guten Bewirtschaftung des Schiffsrestaurants. So haben Sie seit einer langen Zeit Fahrten an Wochenenden und Feiertagen völlig eingestellt“, heißt es weiter.

„Früher, als hier noch der Kalle Orlowski Fährmann war, hat das funktioniert“, erinnert sich Joachim Nöske. Der private Fährpächter habe auch nach Feierabend Touren gemacht, wenn Besucher auf der ostelbischen Seite zur „Marie Gerda“ wollten. Wie das heute unter dem Dach des öffentlichen Dienstes sei, bringt ein Schreiben des Pächters und Gastwirtes Gurkamal Singh auf den Punkt. 2018 beklagt er: „Am 4. Juli hat ihr Fährmann um 13 Uhr die Fähre stillgelegt, ohne jegliche vorherige Information. Am Abend hatten wir eine Vorbestellung für zehn Personen und eine Vorbestellung für einen Geburtstag von 20 Personen. Diese Personen konnten nicht übersetzen. Mir war es nicht möglich, die Gäste zu informieren, da mir Ihrerseits jegliche Information einer Schließung der Fähre verweigert wurde.“

Schiffsanleger wurde verkauft

Laut Gurkamal Singh habe der Fährmann die Stilllegung mit den Worten begründet: „Ich habe genug Stunden, mein Kollege ist krank, ich mach’ jetzt Feierabend.“

Der Verkauf des Sportbootanlegers durch die Stadt Barby habe das Fass zum Überlaufen gebracht und zu der Entscheidung geführt, die „Marie Gerda“ aufzugeben, betont Nöske. „Mehrfache Angebote (seit 2015) von uns, die Schiffsanleger zu erwerben, wurden von Ihnen nicht akzeptiert beziehungsweise fanden keine Beachtung.

Beim Verkauf der Schiffsanleger haben Sie uns übergangen und das Vorkaufsrecht entzogen“, heißt es in der E-Mail an die Stadt Barby vom 8. Juni 2021. Welche Absprachen zwischen der Mitteldeutschen Camping- und Gastro GmbH und der Stadt Barby liefen, kann Nöske schriftlich nur zum Teil nachweisen.

Nachricht trifft Breitenhagener

„Herrn Nöske lag der Entwurf eines Pachtvertrages vor, den er nicht unterschrieben hat. Außerdem gibt es dazu regen E-Mail-Verkehr. In einer Mail wird detailliert geschildert, dass Herr Nöske einen Pachtvertrag für die Fähren nur über den Pächter der Gastronomie (Gurkamal Singh) laufen lassen möchte“, hält Bürgermeister Torsten Reinharz (parteilos) dagegen. Im Juni 2018 informiert die damalige Fährverantwortliche Sabine Kaiser ihren Chef, Amtsleiter Holger Goldschmidt: „Herr Nöske möchte den Anleger nicht pachten.“ Aussage gegen Aussage also.

Er sei aus allen Wolken gefallen, als er vom Verkauf des Sportbootanlegers hörte, sagt Breitenhagens Ortschef Hans-Georg Buszkowiak. „Wir haben das nicht gewusst. Ich hätte Sponsoren gefunden, um den Anleger zu reparieren.“ Bürgermeister Torsten Reinharz wundert sich darüber: „Wir haben schon 2018 bei einer Zusammenkunft mit Herrn Nöske darüber gesprochen, dass die verkauft werden sollen. Auch im Rahmen der Haushaltskonsolidierung waren sie 2017 und 2018 Thema.“

Breitenhagens Geschichte wird verkauft

Am Härtesten trifft die Nachricht, dass die „Marie Gerda“ von den Stützen gehoben werden soll, Alt-Bürgermeister Kurt „Bodo“ Kotzur (78). Er gilt als „Vater“ jeglicher touristischer Bewegungen in Breitenhagen und holte 1995 den maroden Kahn aus Pirna.

In den 90er Jahren brachte er mit Hartnäckigkeit und einer Portion Schlitzohrigkeit Dinge auf den Weg, die Bürger und Politiker staunen ließen. Auch Torsten Reinharz bescheinigt „Bodo“: „Wenn man ihn vorne raus warf, kam der hinten wieder rein.“

Jetzt sagt der 78-Jährige: „Ich verstehe das Tourismuskonzept der Stadt nicht. Es wird nur geredet, aber kaum was umgesetzt.“ Aber auch seinem Nachfolger Hans-Georg Buszkowiak und dem Ortschaftsrat schreibt er ins Stammbuch: „Lamentiert nicht, seid hartnäckiger, nehmt die Menschen in Breitenhagen mit und macht einfach euer Ding!“

Was jetzt passiert, bringt Kotzur so auf den Punkt: „Die Geschichte von Breitenhagen wird verkauft. Das tut mir in der Seele leid!“