Schönebeck l Es ist ein wenig so, als würde ein Film an mir vorbeilaufen. Ich stehe auf einer kleinen Plattform am Ende eines meterlangen und tonnenschweren Lastkraftwagens. Meine Hände klammern sich an die beiden Griffe vor und links neben mir. Wenn ich den Kopf leicht zur Seite neige, sehe ich Häuser, Vorgärten, Bäume, Menschen an mir vorbeihuschen. Unter meinen Füßen ist ein Gittertritt. Gerade saß ich noch „sicher“ im Führerstand. Jetzt stehe ich im Freien.

Gut drei Meter neben mir auf der anderen Seite steht Stefan Jahnke. Uns trennt nur ein großer Schlund samt hydraulischer Hebetechnik. Wie es üblich ist an einem Müllpressfahrzeug. Matthias Bartels fährt den Lkw. Ich begleite die Mitarbeiter des Kreiswirtschaftsbetriebes für einen Tag. An diesem Montagmorgen steht die vierzehntägige Tour „Schönebeck I“ an. Wir fahren durch die Wohngebiete rund um die Moskauer Straße, um den Randel, das Krankenhaus, die Schillerstraße und das Stadtfeld. „Das werden so rund 700 Schüttungen“, sagt Stefan Jahnke. Und es klingt ein wenig wie eine Vorwarnung.

Zwei Mitarbeiter

Die erste Straße ist erreicht. Stefan Jahnke und ich stellen uns hinten auf den Lkw. Ich gewöhne mich jetzt schnell an mein Fortkommen und genieße bei 30 Grad im Schatten den Fahrtwind, der mir um die Nase weht. Es ruckt kurz. Der Lkw bleibt stehen. Am Blinker erkenne ich, dass das Gefährt nach rechts in eine Straße abbiegen will und noch ein entgegenkommendes Auto passieren lässt. Als der Müllaster schließlich die Kurve nimmt, sehe ich auf meiner Straßenseite dutzende schwarze Mülltonnen. Sie stehen vor jedem Haus wie Wachposten, ordentlich aufgereiht am Straßenrand. Das Bild erinnert mich an ein Dominospiel. Nur umkippen darf jetzt keine dieser Tonnen. Müll würde umherfliegen. Stefan, Matthias und ich sind aber heute unterwegs, damit das gerade nicht passiert, sondern alles ordnungsgemäß entsorgt wird. „Die Tonnen auf der rechten Straßenseite gehören jetzt dir“, sagt der Mitarbeiter des Kreiswirtschaftsbetriebes lächelnd. Nur eine Straße zuvor hat er mir gezeigt, was zu tun ist, worauf ich achten muss, damit ich sicher arbeite und der Behälter komplett entleert wird. Ich greife die Tonne und schiebe sie an das Fahrzeug heran.

Bilder

Viel Lauferei

Zwei Hebevorrichtungen liegen nebeneinander. Sobald ein Sensor erkennt, dass die Tonne mit ihrer Vorderseite davor steht, greifen Zargen ihren Rand und heben sie hoch zur Öffnung. Ein Bügel am oberen Ende des Lkw verhindert, dass sie überkippt und ins Fahrzeug fällt. Während ich meine erste Tonne zurückbringe, kommt Stefan und hat in jeder Hand eine von seiner Straßenseite. Er muss kaum hinsehen, als er sie gleichzeitig in beide Heber klinkt. Ich staune. Denn ich empfinde es schon als äußerst schwer, die vollen Dinger gerade an das Fahrzeug heranzuschieben. Und das ist längst nicht alles. Denn steht die Tonne auch nur einen Zentimeter schief, greift der Heber nicht richtig und stellt sie mir zurück auf den Boden. Nächster Versuch! Unbarmherzig zeigt mir die hubstarke aber sensible Technik, dass ich einen Fehler gemacht habe. Stefan lacht. „Du darfst nicht hinsehen, wenn ich das mache“, sagt ich. „Wir setzen jetzt eine Zahl, wenn du die übersteigst, gibst du einen aus“, macht er sich einen Spaß aus meinen ersten Versuchen bei der Abfallentsorgung. Dann wird er ernst. „Das ist alles zu deiner Sicherheit. Schlimmer wäre es, wenn die halb entleerte Tonne von oben herunterfällt und du stehst darunter.“

Vorn hinter dem Steuer ist Matthias Bartels hochkonzentriert. Im zweiten Teil der Tageschicht wird er seinen Platz mit Stefan Jahnke tauschen. Draußen die Tonnen zu schütten, bedeutet auch viel Lauferei. Doch wer glaubt, dass der Fahrer den leichteren Job hat, der irrt. Der 36-Jährige beweist das gelassen, aber eindrucksvoll. Gibt es viele oder große Tonnen, steigt er mit aus. Ansonsten manövriert der Schönebecker den über zehn Meter langen und 2,55 Meter breiten dreiachsigen Koloss durch die zum Teil engen Straßen, wie an der Güstener Bahn, wo die Wege kaum breiter sind als der Lkw. Oft muss der Schönebecker sogar rückwärts in Einfahrten von öffentlichen Einrichtungen, Supermärkten oder Wohnblöcken hinein. Dann weist Stefan Jahnke ihm den Weg. Ansonsten verfolgt Matthias das Geschehen über sechs Spiegel und die Kippvorgänge über zwei Kameras. „Es ist egal, ob man in der Stadt oder in einem kleinen Ort fährt. Alles hat seine Besonderheiten. Man muss die gesamte Zeit über konzentriert sein“, sagt der Fahrer seit 2011 beim Kreisbetrieb dabei. Denn er hat nicht nur seine Kollegen im Blick, sondern auch alle Passanten.

Überall sind andere Menschen – zu Fuß, auf dem Fahrrad und in Autos unterwegs. Immer wieder bekomme ich mit, wie einige sich noch am Pressfahrzeug vorbeistehlen wollen. Dann steht plötzlich ein Auto ganz dicht an der Kippvorrichtung, so dass man mit den Tonnen kaum herankommt, oder neben dem Lkw und mit dem Gegenverkehr in der Front. Fahrradfahrer oder Fußgänger schlängeln sich am riesigen Laster vorbei. Einige schimpfen, tippen mir dem Zeigefinger auf ihre Uhr. „Manchen geht es nicht schnell genug“, sagt Stefan, schüttelt mit dem Kopf, so dass alle es sehen können, und hat gleich noch eine Vorsichtsmaßnahme für mich parat. „Deshalb musst du immer schauen, egal ob am Fußweg oder an der Straße.“ Man dürfe sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, sonst würden in unnötiger Hektik womöglich Fehler passieren, so der 29-Jährige.

Über zehn Tonnen

Wenige Meter weiter stehen die nächsten Tonnen. Wir sind irgendwo zwischen Staßfurter Straße, Seilerbahn, Röhrenstieg und Köthener Straße. Am Gartenzaun schauen immer wieder Senioren und warten, bis das Müllfahrzeug kommt. Stefan grüßt sie schon vom Lkw herab mit einem freundlichen „Guten Morgen“ und einer grüßenden Hand. Immer wieder hebt mein Kollege den Deckel und prüft mit einem kurzen Kontrollblick, ob nur das in der Tonne ist, was drinnen sein darf. „Ist sie sehr schwer, schauen wir schon mal genauer hin.“ Ich will jetzt glänzen und strenge mich richtig an, als ich die Tonnen an das Auto schiebe. Doch die Straße ist gepflastert und uneben. Ich brauche meine Versuche. „Hier in der Stadt gibt es immer anderen Untergrund. Ganz schlimm ist es in Barby. Da ist nur Pflaster. Das ist anstrengend.“

Als mein Kollege seine Tonne zurück zur Vorgartenpforte schiebt, bedankt sich ein älterer Herr freundlich. „Das ist schön, wenn die Leute so reagieren und damit auch gutheißen, dass die Abfahrt pünktlich und ordentlich klappt.“ Stefan versteht diese Gesten als motivierendes Lob. Ich hole jede Tonne einzeln. Entleere sie. Trage sie zurück. „Rollen ist immer besser als Heben, sonst geht das ganz schnell auf die Arme.“ Mein erfahrener Begleiter – seit 2012 ist der Calbenser beim Kreiswirtschaftsbetrieb - gibt mir Tipps, wie ich sie richtig abstelle, Wege und Kräfte spare und so auch dafür sorge, dass nichts auf die Straße zurückrollen kann. Immer, wenn der Lkw steht, beginnt es zu rappeln. Dann wir der Müll auf der Ladefläche von einem großen Schild gepresst.

Ich bekomme noch sehr viel mit an diesem Montag. Es gibt die „kleinen“ schwarzen Tonnen mit einem Fassungsvermögen von 120 Litern, die großen mit 240 Litern sowie Container aus Metall oder Plastik mit 1200 Litern. Sie stehen meist an den verschlossenen Sammelstellen von Wohngebieten. Stefan hat einen Schlüssel, um ihre Unterstellhäuschen zu öffnen. Dann muss er auch die Greifarme an der Hubvorrichtung umstellen. Das alles erfordert technisch Geschick und ist echte Muskelarbeit. Vor den Häusern sollen die Müllsammelplätze kaum so wenig wie möglich auffallen. Sie stehen versteckt oder ihre Türen sind nicht sichtbar. Für die Abfallentsorgung bedeutet das aber, dass die riesigen und fast immer bis an den Rand gefüllten Boxen an Gittertüren und Zäunen vorbei, an Hecken entlang, über enge Wege und kleine Einfahrten, manchmal sogar Stufen bis zum Lkw gebracht werden müssen.

Müll wird gewogen

Stefan Jahnke hat den Container wieder verstaut. Er klappt sein Trittbrett hoch und sichert die Hubtechnik. „Komm! Vorn rein! Wir fahren zum Entladen.“ Gegen 11 Uhr geht es zum Wertstoffhof am Rand der Elbestadt. Wir sind seid seit fünfeinhalb Stunden unterwegs und das Pressmüllfahrzeug ist voll. „Man erkennt es daran, dass das Schild, das den Müll zusammendrückt, sehr weit hinten steht. Außerdem ist der Lkw schwerer“, erklärt Matthias. Auf der Waage des Wertstoffhofes bekommt er das Schwarz auf Weiß bestätigt. Zehneinhalb Tonnen Müll sind auf dem Laster. „Das ist ordentlich“, sagt Stefan und packt den Wiegeschein zu den Unterlagen des Tagesberichtes. Hier sind die Mitarbeiter, das Fahrzeug und die Touren detailliert aufgeführt. Stefan und Matthias müssen notieren, wenn es Besonderheiten gibt, eine Tonne stehengelassen werden musste oder etwas ungewöhnlich es passiert ist. Alles muss für die Disponenten im Betrieb nachvollziehbar sein. Das Schild schiebt den Müll in einer Halle auf einen Sammelplatz. Hier wird er noch einmal grob sortiert und dann zur Verbrennung nach Staßfurt oder Magdeburg gefahren.

Meine beiden Kollegen machen jetzt erstmal Mittagspause. Am Nachmittag geht es noch einmal in das Revier „Schönebeck I“. Stefan weiß, dass dann noch einmal gut acht Tonnen Müll zusammenkommen werden. Am Abend muss das Fahrzeug wieder entleert werden. Es muss sofort startklar sein, wenn es am Dienstagmorgen um 6.30 Uhr wieder auf Tour geht. Außerdem soll nichts in den Lkw sein, das sich entzünden könnte. Ihren Job mögen die beiden Männer sehr. Auch wenn man im Freien arbeitet, Hitze, Wind, Schnee und Regen unmittelbar ausgesetzt ist. Matthias weiß eine schlagfertige Antwort dazu. „Wir machen Schönebeck sauber. Das zählt!“

Die nächste Folge der Sommerserie erscheint am 26. Juli: Sozialarbeiter. Bereits erschienen: Mitarbeiterin in der Leitstelle, Tierpflegerin, Zustellerin, Mitarbeiter im Stadtpflegebetrieb, Fährhelfer, Bürgermeister und Regieassistent beim Schönebecker Operettensommer – nachzulesen unter www.volksstimme.de.