Barby l „Es geht nicht mehr, ihr müsst raus!“, ruft der Bürgermeister von Bernsdorf (Kreis Bütow, heute Bytów in Pommern) eher im Vorbeigehen seinen Bürgern zu. Es ist Anfang März 1945 und „der Russe“ rückt unaufhaltsam vor. Ost- und Westpreußen sind bereits eingenommen. Kurz zuvor, am 26. Februar, war die Rote Armee in Pommern bis zur Ostsee durchgedrungen.

Auch Anna Kersten (61) und ihr Mann Emil (71) trennen sich schweren Herzens von ihrem Hof. Ihre beiden Söhne Emil und Ernst dienen bei der Wehrmacht: der eine in Russland, der andere in Afrika. Die Eltern wissen nicht, ob sie noch leben. Zumindest von Emil kam lange keine Nachricht. Die Ostfront ist ja zusammengebrochen. Ihre beiden Töchter Lotte und Hilde haben die Kerstens schon in Sicherheit gebracht. Sie fuhren mit einem Sammeltransport per Schiff nach Dänemark.

Mit solcher Last auf der Seele folgen die beiden alten Leute den Anweisungen ihres Bürgermeisters. Anna und Emil packen nur das Notwendigste in einen kleinen Handwagen. Sie schließen sich der großen deutschen Völkerwanderung an, die westwärts zieht. In stockfinsterer Nacht geht es in Richtung Rummelsburg, wo von anderen Trecks Wagen in dem bergigen Gelände liegen blieben. Es gibt Tote an Menschen und Pferden, viel Klagen und Weinen. Viele Flüchtlinge müssen ohne ihre zu Tode verunglückten Angehörigen, ohne ihre Fuhrwerke und ihre Habseligkeiten zu Fuß weiterziehen. Unter ihnen ist auch Anna Kersten. Ihr Ehemann Emil ist am Ende seiner Kräfte. Er stirbt am 8. März 1945. Beerdigt kann er nicht werden. Er bleibt am Straßenrand liegen ... Der Treck muss weiterziehen.

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Am 5. März nehmen die Rotarmisten Bütow ein. Auch Bernsdorf wird besetzt.

Zurück! Schlimmer kann alles nicht mehr komme

Anna Kersten funktioniert nur noch. Apathisch zieht sie ihren kleinen Handwagen hinter sich her. Das Wetter wird besser; der Frühling kündigt sich an. Was soll die 61-Jährige jetzt machen? Wo soll sie hin? Ihr Mann ist tot - was ist mit den Söhnen? Sie entscheidet sich umzudrehen. Sie will zurück nach Bernsdorf! Schlimmer kann es alles nicht kommen. Auch wenn viele Schreckensgeschichten über die Russen die Runde machen. Der Krieg neigt sich seinem Ende, die Rote Armee hat Pommern und Ostpreußen besetzt, rücken auf Berlin vor.

Als Anna nach Wochen wirklich wieder vor ihrem Haus steht, haben sich darin fremde Menschen breit gemacht. Es sind Polen. Sie wird von ihnen aufgenommen und arbeitet als Dienstmagd. In ihrem eigenen Haus, in dem sie früher glücklich mit ihrer Familie lebte.

So gehen die Monate dahin. Emil meldet sich aus russischer, Ernst aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Wenigstens was.

Als Anna Kersten 1947 vor die Entscheidung gestellt wird, polnische Staatsbürgerin zu werden und damit bleiben zu dürfen, lehnt sie ab. Sie macht sich mit ihrem kleinen Handwagen zum zweiten Mal auf den Weg in Richtung Westen. Dieses Mal allerdings mit dem Zug. Sie will zu ihrer Schwester Marie, die irgendwo in der Sowjetischen Besatzungszone südlich von Magdeburg lebt. Der Ort heißt Barby und liegt am Rande der Börde. Das verheißt wenigstens, dass es hier etwas zu Beißen gibt. Mit ihrer Schwester und deren Mann Moritz teilt sich Anna fortan eine kleine Stube mit Küche in der Rosmarinstraße. Sie ist ja anspruchslos.

Einziger Luxus: Etui für Zigaretten selbst ge

Der kleine Handwagen leistet auch in Barby gute Dienste. Anna holt Holz zum Heizen oder stoppelt Kartoffeln auf dem Feld.

Nachdem Sohn Ernst von den Amerikanern entlassen wurde - er geht nach Königswusterhausen -, dauert es bei Emil noch. Im Frühling 1948 ist es dann endlich auch bei ihm so weit.

Emil, der im russischen Kriegsgefangenenlager als Hufschmied arbeitete, kann Ende März 1948 endlich wieder seine Mutter in die Arme schließen. Die Russen haben ihn nach Ostdeutschland entlassen, weil dort Arbeitskräfte für den sozialistischen Aufbau gebraucht werden. Emils einziger „Luxus“ sind ein selbst gebauter Holzkoffer und ein schiefes Zigarettenetui aus Aluminium, in das er „Moskau 1947“ eingraviert hat. Bruder Ernst hatte ein kunstvolles Schachspiel aus Nordafrika mitgebracht. Beides wirft ein Licht auf die Bedingungen in den alliierten Gefangenenlagern.

1953 heiratet Emil die Barbyerin Herta Friedrich. Seine Mutter Anna kann sich noch darüber freuen. Sie stirbt im August 1954. Im November 1954 kommt Tochter Hannelore zur Welt.

Der kleine Handwagen steht in den 50er-Jahren im Schrebergarten der Familie Kersten. Hier tut er noch immer unverzichtbare Transportdienste. Irgendwann, als die Zeiten wieder fetter geworden sind, avanciert er zum Deko-Objekt auf dem Hof von Hannelore Kersten in der Brücktorstraße.

Heute blühen fröhlich kleine, blaue Hornveilchen darin.