Elbenau l In einem Keller in Elbenau gibt es mit dem Abpfiff kein Halten mehr. Erwachsene Männer (und ein paar Frauen) springen in die Luft und tanzen wie die kleinen Kinder und fallen sich um den Hals, mehrere Barhocker fliegen gleich mit. In Schönebeck feiert an diesem Mittwochabend niemand so hart wie die Fußballfans des Kollektivs Elbenau. Besser als jeder Weltmeister- und Europameistertitel zusammen, besser als Weihnachten und Geburtstag an einem Tag: Der 1. FC Magdeburg hat den Klassenerhalt geschafft. Ein schwer verdienter 0:2 Auswärtssieg in Ingolstadt hat dafür gesorgt, dass dem Großraum der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt ein kollektiver Stein vom Herzen gefallen ist. Besonders laut hat es in Elbenau geplumpst, auch weil einige Mitglieder des Fan-Kollektivs einen Vorsatz einlassen und nach dem Sieg erst einmal vor lauter Begeisterung in einen Pool springen. Angezogen, versteht sich.

Doch bis zum Abpfiff des vorletzten Saisonspiels herrschte im Fußballkeller des Kollektivs vor allem eins, was die FCM-Fans zur Perfektion beherrschen und vermutlich sogar erfunden haben: Zweck-Pessimismus. Einfach alles ist schlecht. Die Mannschaft, die Spieler, Corona und insbesondere die Geisterspiele. Es geht nämlich um alles, den Klassenerhalt. Magdeburg könnte bei einer Niederlage noch an diesem Abend in die vierte Liga absteigen, wenn Münster gleichzeitig gegen Meppen gewinnt. „Der Horror“, sagt Gastgeber Jörg Lustinetz. „Dann spielen wir gegen Meuselwitz.“ Schlimmer geht‘s kaum. Andreas Misch geht sogar noch weiter: Beim Kollektiv-internen Tippspiel tippt er 2:1. Gegen den dem FCM. Absolute Todsünde. „Aber schreib das bloß nicht in die Zeitung“, sagt er. Machen wir.

Das beruhigende am Zweck-Pessimismus ist: Wenn man erst einmal alles schlecht geredet hat, kann man eigentlich nur noch positiv überrascht werden. Endlich Anpfiff. Doch im Keller kommt keine Freude über das möglicherweise wichtigste Spiel der Saison auf. Hoffen, Bangen, Resignation und vor allem viel Leiden. Nach drei Minuten und einem Stand von 0:0 fordert Andreas Misch schon Abpfiff. „Wenn alles so bleibt, wird alles gut“, sagt er. Das wird er noch viel Male wieder holen an diesem Abend.

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Bilanz fällt ernüchternd aus

Die erste Halbzeit plätschert so vor sich hin. Und wenn der FCM verliert? „Dann heulen wir“, sagt Lustinetz. Die Saison lief nicht richtig rund, mal wieder. „Die Spieler sind eigentlich gut. Aber alles Egoisten. Keine Mannschaft“, sagt der Elbenauer. Und dann ständig die Verletzten. Und dann kam auch noch Corona. „Wir hätten die Saison abbrechen sollen. Ohne Zuschauer gibt es in der dritten Liga kein Geld“, sagt Jörg Lustinetz. „Und ohne Fans im Stadion geht auch nichts. Du brauchst die Fans, um die Mannschaft nach vorn zu brüllen.“

Seit fünf Jahren gibt es das Kollektiv Elbenau, etwa zwei Dutzend Mitglieder im härtesten Kern plus jede Menge Anhang. Vor allem aus Elbenau und Schönebeck. Nicht nur zu Heimspielen nach Magdeburg fährt man, sondern auch zu vielen Auswärtsspielen. Und jede Saison geht es mit dem Passagierschiff Marco Polo die Elbe runter zum letzten Heimspiel. Dieses Jahr nicht wegen Corona. Stattdessen verbringt das Kollektiv viel in Fan-Keller vor der Leinwand. Die Männer an der Bar mit Bier, die Frauen auf der Couch mit Weinschorle.

Durchatmen in der Halbzeitpause. Es steht immer noch 0:0. Konfliktmanager Jens Hildebrandt kommt an den Tisch. Den Posten gibt es wirklich im Kollektiv. Ist aber eigentlich nicht nötig, da die Mitglieder entspannt sind.

Bessere zweite Hälfte

Zweite Halbzeit, das Spiel geht weiter und läuft besser. Die Einschläge kommen näher. Dann nach einer Stunde sorgt der abgefälschte Treffer für den ersten großen Jubel im Keller. Der FCM ist noch da. Doch von Entspannung keine Spur. Dafür haben die Fans schon zu viel mitgemacht. „Ich schau mir das nie wieder an“, sagt Andreas Misch fertig mit den Nerven. „Das sagt du jedes Mal“, antwortet das Kollektiv im Chor. „Du musst cooler werden.“ Andreas Misch winkt ab: „Das schaff ich in meinem Alter nicht mehr.“

In der 83. Minute legt der eingewechselte Mario Kvesic zum 2:0 nach. Im Keller macht sich fast so etwas wie Wohlwollen breit. Erst als Behrens in der Nachspielzeit den umstrittenen Elfer hält, dämmert es dem Kollektiv: Der FCM kann die Klasse halten und geht nicht unter. Münster geht baden. Und das Kollektiv springt in den Pool.