Schönebeck l Siegward Geistlinger ist sauer. „Das interessiert die überhaupt nicht. Die sitzen einfach nur auf ihrem hohen Ross und reden nicht mit uns“, schimpft der Schönebecker. Mit „die“ meint der Rentner die Schirm GmbH, die inzwischen Teil eines südafrikanischen Konzerns ist. Diese Woche wollten sich eigentlich Vertreter des Unternehmens mit fünf Anwohnern des Werks an der Geschwister-Scholl-Straße und Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU) im Rathaus treffen, um über die immer wieder kehrenden Beschwerden über Geruchsbelästigungen zu sprechen. Doch die Schirm GmbH sagte ab. Und so musste das Treffen ohne das Unternehmen nur zwischen den Bürgern und Mitarbeitern der Stadtverwaltung stattfinden.

Auf Nachfrage der Volksstimme teilte eine Unternehmenssprecherin nur lapidar schriftlich mit: „Die Firma Schirm nimmt in Abstimmung mit der Stadt an diesem Gespräch nicht teil.“ Auch aus dem Schönebecker Rathaus war nicht wirklich mehr über die Gründe der Absage zu erfahren. „Es war ein kontrovers geführtes Gespräch, das aber von Sachlichkeit geprägt war. Der Oberbürgermeister hat die Fragen beantwortet, die die Zuständigkeiten der Stadt Schönebeck betrafen“, so Stadtsprecher Frank Nahrstedt.

Was wird bei Schirm hergestellt?

Die Anwohner wollten eigentlich von Schirm erfahren, welche Chemikalien genau im Werk hergestellt werden und welche möglichen Verunreinigungen es in der Umgebung der Anlage geben könnte. Nachbar Siegward Geistlinger geht sogar noch einen Schritt weiter und würde sich wünschen, dass die Produktion im besten Fall komplett eingestellt wird. Seit Jahren leide er nach eigenen Angaben unter Atembeschwerden und Blutarmut. Die Schuld dafür gibt er der Industrieanlage nebenan.

Als er sich das Grundstück neben der Fabrik in den 1990er Jahren gekauft hatte, war er davon ausgegangen, dass die Fabrik abgewickelt und abgerissen wird. Doch sie konnte gerettet werden. Seitdem geht er immer wieder juristisch gegen Schirm vor. Nach eigenen Angaben konnte Geistlinger vor Gericht sogar erreichen, dass der Konzern eine Umweltverträglichkeitsprüfung nachreichen musste. Das Unternehmen betont hingegen, dass es die Prüfung freiwillig in Auftrag gegeben hatte. Nach einem weiteren Prozess wird der Bericht derzeit überarbeitet.

So richtig zufrieden waren die Anwohner mit den Antworten des Oberbürgermeisters allerdings nicht. Zwar hätte er betont, dass ihm das Wohlergehen der Schönebecker wichtig sei und dass er bei möglichen Verstößen nachhaken würde. Bei Schirm würden nach Erkenntnissen der Stadt jedoch alle Genehmigungen vorliegen.

Anwohner wollen Bürgerinitiative gründen

Was Geistlinger besonders ärgerte: Die Stadtverwaltung hatte die Fragen der Anwohner, die sie bei der Stadtratssitzung Anfang Juli gestellt hatten, bis jetzt noch nicht schriftlich beantwortet. So wurden auch Fragen über den Brandschutz oder eine mögliche Belastung der Elbe durch Abwasser gestellt. Besonders groß ist die Sorge, dass die Nachbarschaft durch einen Störfall im Werk in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Auch eine mögliche Produktion des umstrittenen Wirkstoff Glyphosat beschäftigt Geistlinger und seine Mitstreiter. Nach Angaben von Schirm wird das Pestizid nicht in Schönebeck hergestellt. Aus einem Prüfbericht des TÜV Nord aus der vorläufigen Umweltverträglichkeitsprüfung geht hervor, dass zumindest in der Vergangenheit Bestandteile von Glyphosat an der Geschwister-Scholl-Straße hergestellt oder gelagert wurden.

Inzwischen haben die Anwohner auch wieder angefangen, wie in der Vergangenheit ein Geruchsprotokoll zur führen. Demnach soll es in Frohse zuletzt zwei bis drei Mal im Monat vor allem nachts nach Chemikalien gerochen haben. Zudem berichten die Anwohner von nächtlichem Lärm.

Bereits vor etwa drei Jahren hatte es Beschwerden über Geruchsbelästigungen gegeben. Nach einigen Anpassungen in den Anlagen konnten die Probleme behoben werden. Dass es nun in Frohse wieder stinken soll, führen die Anwohner auch darauf zurück, dass Schirm derzeit weitere Produktionsanlagen von Magdeburg nach Schönebeck verlagert.

Da die Anwohner bisher noch nicht zufrieden mit den Antworten der Stadtverwaltung und vor allem des Unternehmens sind, wollen sie nun eine Bürgerinitiative gründen, um ihren Forderungen nach mehr Transparenz Nachdruck zu verleihen. Dafür planen sie ein erstes Treffen für alle Interessierten am Mittwoch im Haus von Geistlinger an der Geschwister-Scholl-Straße.

Gründung Bürgerinitiative, Mittwoch, 17 Uhr. Geschwister-Scholl-Straße 130a.