Schönebeck l Wenn historische Kleider von zarten Damenschultern durch kühle Museumshallen getragen werden, ist wieder Zeit für eine Veranstaltung der besonderen Art: Im Schönebecker Industriemuseum (Imuset) findet die Bormann-Modenschau statt. Unter dem Motto „Mode, Mannequins und Musik“ präsentieren junge und junggebliebene Models die Kreationen aus dem Hause Heinz Bormann, dem „Roten Dior“. Bereits zum dritten Mal in Folge findet die modische Zeitreise im Schönebecker Imuset statt. Dieses Mal ist der Laufsteg in der frisch renovierten Schaltwarte zwischen den Sitzreihen aufgebaut.

Obwohl die Bormann-Modenschau in Schönebeck noch eine junge Veranstaltung ist, hat sie bereits eine bewegte Vergangenheit. Wie die Mode, die sie präsentiert, wandelt sie sich von Jahr zu Jahr. „Die erste Modenschau war eine rein historische“, erinnert sich Georg Plenikowski, Präsident des Industriemuseums. „Bei der zweiten hat es dann stark geregnet und gewittert.“ Sie sollte, so wie die erste, unter freiem Himmel stattfinden. „Deswegen mussten wir in der Halle alle Maschinen beiseite schieben und den Laufsteg hinein verlegen – das war eine Wahnsinnsaktion.“ Zudem wird erstmals durch die Zusammenarbeit mit Schönebecker Modehäusern die moderne Mode integriert, so Plenikwoski weiter. „Das war ein Erfolg allererster Güte!“ Der Erfolg hat sich offensichtlich herumgesprochen. „Wir sind total ausverkauft und mussten leider Leute wegschicken, die noch Karten kaufen wollten.“

Schönebecker Modehäuser dabei

Es verwundert daher nicht, dass die Modenschau auch in diesem Jahr wieder neue Impulse bekommt. Neu im Rahmenprogramm ist die Live-Musik vom Duo Silent Song. Außerdem sind die Schönebecker Modehäuser Bayer und Volz mit aktueller Sommer-, Herbst- und Bademode mit von der Partie.

Durch den ersten Teil der Veranstaltung führt Peter Volz vom Modehaus Volz selbst. Untermalt von aktueller Pop-Musik kommentiert er das Schaulaufen der ersten Mannequin-Garde, berichtet über die Trends des Sommers und des kommenden Herbstes, gibt Tipps, welche Stoffe und Farben sich wie kombinieren lassen, und stimmt die Zuschauer auf das noch kommende modische Potpourri ein, während ein Projektor Bilder der Renovierung der Schaltwarte an die Wand wirft. Für die vielen Runden auf dem Laufsteg werden die ersten Models des Abends unter Applaus mit Blumensträußen verabschiedet, womit der erste Teil der Veranstaltung endet.

In der anschließenden Pause sorgt „Silent Song“ weiter für gute Stimmung mit zeitlich abgestimmten Klassikern wie „Johnny B. Goode“ und „Kling Klang“.

Nachdem die Zuschauer die Gelegenheit haben, sich mit Wasser, Sekt und bestrichenen Broten für den Hauptteil der Veranstaltung zu stärken, beginnt die modische Zeitreise. Die Einleitung kommt wie gewohnt per Mikrofon von Veranstalterin Nadja Gröschner von der „Feuerwache“ Magdeburg.

Wie es zur Modenschau kam

Sie erzählt von der Geschichte der Bormann-Modenschau, die sie anlässlich der 1200-Jahr-Feier Magdeburgs ins Leben gerufen hatte. „Ich wurde gebeten, etwas zur Mode der DDR-Zeit zu machen und wollte keine Pioniertücher präsentieren“, berichtet sie und erntet Lacher.

Doch bei aller Routine gibt es auch Premieren: Einige Kleider werden zum ersten Mal überhaupt präsentiert. 55 Stücke aus dem 80 Exemplare zählenden Bestand werden insgesamt gezeigt.

Improvisationstalent gefragt

Auch Improvisationstalent ist gefragt. Weil ein Model kurzfristig wegen Krankheit ausfällt, organisiert Gröschner kurzfristig eine Freundin als Mannequin: Dörte Neßler, die Mutter von Model Miriam Neßler. Zusammen mit Helga Sarg, die bei Heinz Bormann den Beruf der Näherin gelernt hatte, und Neuling Miriam Anna Huppertz bildet das Mutter-Tochter-Gespann an diesem Abend das Bormann‘sche Quartett.

Ein besonderes Stück des Schönebecker Modeschöpfers wird schon sehr früh gezeigt: ein auffällig gelbes Festkleid aus den 1950er Jahren. „Ich habe dieses Kleid einst von einer Zuschauerin geschenkt bekommen, ohne jemals ihren Namen erfahren zu haben“, kommentiert Nadja Gröschner.

Neben der Ansage der Models hat Gröschner allerhand Anekdoten über die Geschichte der Kleider und des „Roten Diors“ parat. So erzählt sie, dass bei Heinz Bormann nie ein Stück Stoff verschwendet werden durfte, dass er seine Kleider für gewöhnlich in den Größen 40 und 42 anfertigte, oder etwa, dass seine in Westdeutschland verkauften Kleider nie „Heinz Bormann Bekleidungswerkstätten“ auf dem Etikett stehen hatten - für die Käuferinnen in Westdeutschland wäre dies nicht tragbar gewesen, erklärt Nadja Gröschner.

Leinen, Seide, Dederon

Wie Abreißblätter auf einem Kalender wechseln die Jahrzehnte auf dem Laufsteg. In den Übergängen werden Ausschnitte aus Filmen über die Arbeit aus den Nähwerkstätten Heinz Bormanns gezeigt. Die Ergebnisse daraus sind hier und heute live und in Farbe zu sehen und belegen, dass Bormann sich den Titel des „Roten Diors“ allemal verdient hat: Luftige Leinenröcke mit Handtäschchen, dunkle Stücke aus China-Seide, exquisite Kopfbedeckungen, fetzige Sonnenbrillen, Schulmädchen-Kostüme, ein dunkelrotes Gewand mit Haube à la Aschenbrödel und Kleider, die „bedauernswerterweise aus Dederon sind“ – so Gröschner – prägen das Bild an diesem Abend.

Ein Trend zeichnet sich ab: Das Programm der Bormann-Modenschau im Imuset wird von Jahr zu Jahr bunter und ausgefallener. Doch der Kern soll auch in Zukunft historisch sein: „Bormann wird immer der Aufhänger bleiben“, versichert Georg Plenikowski, ohne dabei Neues auszuschließen. „Wir haben schon neue Ideen. Aber über die sprechen wir jetzt noch nicht.“