Medizin

Mini-Herzschrittmacher von Ärzten des Ameos Krankenhaus in Schönebeck implantiert

Von Paul Schulz
Im Ameos Klinikum Schönebeck wurde kürzlich der kleinste 2-Kammer-Herzschrittmacher der Welt implantiert. Foto: Ameos

Schönebeck

Kleine Technik, große Vorteile – so könnte man den kleinsten Zwei-Kammer-Herzschrittmacher der Welt grob erklären. Der Herzschrittmacher, der gerade einmal so groß wie eine Vitaminkapsel ist, wurde erst kürzlich zum ersten Mal im Ameos Klinikum in Schönebeck implantiert. Und Doktor Karl-Heinz Binias, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Kardiologie und internistische Intensivmedizin, ist von der Technik begeistert. Er ist überzeugt: „Das ist die Zukunft.“

Doch was genau ist an dem kleinen Herzschrittmacher besser? Karl-Heinz Binias erklärt: „Es werden weder Kabel noch Sonden benötigt oder implantiert. Dadurch verringert sich das Infektionsrisiko deutlich.“ Denn alles, was implantiert wird, ist ein Fremdkörper. Und auch wenn es nur ein Kabel ist, kann dieses eine Infektion hervorrufen. Und das ist gleichbedeutend damit, dass erneut operiert werden müsste.

Genug Platz im Herzen

Aufgrund der im Mini-Herzschrittmacher integrierten Batterie sowie eines Messsystems und eines Taktgebers kann das bei der neuen Technik also nahezu komplett ausgeschlossen werden – alles ist komprimiert in dem Mini-Gerät verbaut. Die Batterie hält – je nachdem, wie oft der Herzschrittmacher eingreifen muss – acht bis elf Jahre, sagt  Karl-Heinz Binias. Danach muss gegebenenfalls ein neues Gerät eingesetzt werden. Platz dafür ist im Herzen genug, so der Fachmann. Der alte Mini-Herzschrittmacher würde in so einem Fall aber an Ort und Stelle verbleiben. „Noch gibt es keine Methode, diesen zu entfernen, aber ich bin sicher, dass da auch bald Lösungen für entwickelt werden“, so Binias.  

Auch der Hersteller Medtronic informiert auf seiner Website: „Die Kardiokapsel kann am Ende der Nutzungsdauer deaktiviert werden und im Herzen verbleiben. Sie lässt sich von einer weiteren Kardiokapsel unterscheiden, die gegebenenfalls später implantiert wird. Nach unserer aktuellen Empfehlung ist es grundsätzlich möglich, eine weitere Kapsel zu implantieren. Ob weitere Implantationen möglich sind, werden unsere Langzeitdaten zur Kardiokapsel zeigen.“ Zudem spreche nichts dagegen, nach Batterieerschöpfung der zweiten Kardiokapsel einen konventionellen Herzschrittmacher einzusetzen.

Operation dauert halbe Stunde

Darüber hinaus dauert die Implantation nur rund 30 Minuten und sei für einen Facharzt keine große Herausforderung. Dabei wird zunächst eine Vene in der Leistenregion des Patienten punktiert. Über diese kleine Öffnung wird dann eine Art Schlauch – Binias spricht von einer „Schleuse“ - bis zum Herz vorgeschoben. Vorne an diesem Schlauch ist der Mini-Herzschrittmacher befestigt. Am Herz angelangt, wird die Kapsel mittels kleiner Haken am Herzseptum – der Wand zwischen den beiden Herzkammern – befestigt. „Dann prüfen wir, ob die Signale auch richtig abgegeben werden können. Ist das der Fall, lösen wir die Kapsel vom Schlauch.“ Der Schlauch wird wieder herausgezogen und die punktierte Vene geschlossen – fertig.  „Und nach zwei Tagen sieht man vom Eingriff nichts mehr“, ergänzt Binias.

Wie Ameos mitteilt, wurde dieser neue Herzschrittmacher für die Behandlung von Patienten mit einem sogenannten AV-Block entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Herzkrankheit, bei der die elektrische Reizleitung zwischen den Kammern des Herzens (Vorhöfe und Herzkammern) gestört ist. Diese Aufgabe übernimmt dann die Kardiokapsel. Jedoch werden nicht automatisch alle Schrittmacherpatienten nun so ein kleines Wunderwerk implantiert bekommen, denn das ist auch immer eine Frage der medizinischen Notwendigkeit.

Fortschritt der Medizintechnik

Darüber hinaus ist das Gerät zwar nur etwa ein Zehntel so groß wie herkömmliche Schrittmacher, dafür aber auch zehnmal so teuer. Die Kardiokapsel wird also derzeit noch eher in wenigen Fällen eingesetzt. Dennoch steht sie stellvertretend für den immer weiter voranschreitenden technisch-medizinischen Fortschritt.  An ein Gerät, das so klein ist, war am Anfang der Herzschrittmacher-Technologie noch nicht einmal zu denken. Zwar wurde 1958 erstmals ein Schrittmacher implantiert, doch es gab auch noch externe Herzschrittmacher, die beispielsweise um Hals oder Bauch getragen wurden.

Und von der Größe einmal abgesehen: Auch die Operation, um den Mini-Herzschrittmacher einzusetzen, ist  im Vergleich wohl deutlich risikoärmer als bei den ersten Modellen. Denn bei der ersten Implantation in Deutschland – das war im Jahr 1961 – fand die Operation noch am offenen Herzen statt, wofür der Brustraum sogar aufgesägt werden musste.